Zu Jahresbeginn 2016 ein Zwischenbericht für entire3 Berlin.entire3 Berlin

11 Bücher liegen im Apple iBook store, iTunes vor.

„Stadtwald“, „Deutsches Epitaph 1,2“ (deutsch und englisch) „Westöstlich Feuer 1,2“ (deutsch und englisch) und „Die Spur des Krokodils“ (deutsch und englisch).

Die elektronische Veröffentlichung macht ein „work in progress“ über Updates möglich – nur
„Deutsches Epitaph“ (Text Adelheid Seltmann, Video Joerg Franzmann, Musik Stephan Mathieu, Übersetzung Gerald von Brandenstein) ist wirklich fertig.

Für „Westöstlich Feuer“ fehlt noch eine englische Einsprache des Textes, für „Die Spur des Krokodiles“ warten wir noch auf die Videos von Joerg Franzmann usw.

Zusätzlich gibt es zwei externe Produktionen: „Nesimi Ghaselen“ (Michael R. Hess in Zusammenarbeit mit Adelheid Seltmann) und „Der zweite Sultan“ (Thomas Weiberg, redigiert von Adelheid Seltmann).

Vorweg: iTunes Connect von Apple fungiert als Verlag für uns mit einer exzellenten und schnellen Beratung, für den Vertrieb und die Werbung werden pro Buch 250 Promotion Datein zur Verfügung gestellt, es wird sofort abgerechnet.
Im Ganzen ist die Organisation hervorragend verglichen mit bisherigen Erfahrungen bei konventionellen Verlagen, vor allem ist sie zuverlässig. Wir erhalten 70% des Verkaufserlöses. Allerdings verlangt das ein Studio, in dem die Produktion möglich ist, inklusive Sprachaufnahmen, Ton- und Videobearbeiung sowie Layout.

Apple stellt mit dem Apple Authoring Programm ein Tool zur Verfügung, dass nur im IOS so vorhanden ist und mit dem komplexe crossmedia eBooks – also Bücher mit eingesprochenem Text und Videos) erstellt werden können. Das geht bis jetzt auf Android (Amazon Kindl) und bei Microsoft nicht.

Das Problem beim Vertrieb in Deutschland allerdings ist, dass

a. ein flächendeckendes Breitband WLAN fehlt, so dass Leser in Provinzregionen vermutlich nicht erreicht werden können, da die Bücher durchschnittlich 1GB download erfordern.

b. Der Literaturbetrieb sperrt sich gegen dieses neue Format, da gedruckte Bücher schon ganz gut mit dem normalen ePub formatierten eBooks konkurrieren können, im Gegenteil: da sind sie überlegen, nicht aber mehr mit dem neuen crossmedia Format.
Nicht einmal ein Bild dominiertes Buch wie „Der zweite Sultan“ von Thomas Weiberg ist im Buchdruck finanzierbar und entsprechend gut möglich.

Man ist deshalb nicht interessiert, uns irgendwie an dem System Verlag – Kritiker – Presse zu beteiligen, mit dem die konventionellen Verlage im 19. und 20 Jahrhundert schon immer ihren Vertrieb organisierten.
Wie müssen ganz neu ansetzen. Itunes Connect hat das begriffen, aber für ein effektiven Aufbau
neuer Vertriebsstrukturen fehlt noch viel.

c. Dazu gibt es ein Hardware Problem: die Bücher lassen sich nur über iPads der 3. oder 4. Generation mindestens herunterladen und lesen, sie sind also Hardware abhängig.
In Deutschland haben vor allem von denjenigen, die Interesse an guter Literatur haben und den sog. „Kulturträgern“ nur wenige ein iPad dieser Art, einmal weil Deutschland prinzipiell, was die digitalen Veränderungen betrifft, rückständig ist (Merkel: in Deutschland ist das Internet Neuland!), dann aus Vorbehalten, die man unendlich diskutieren, aber schwer ausrotten kann und vor allem auch, weil die Geräte teuer sind und die Konsumenten, die gute Bücher schon kaufen, durchschnittlich einen solchen Kauf eher scheuen (aus finanzielle Gründen und auch anderen).
Die jungen Nerds dagegen konsumieren lieber Science Fiction Bücher, die nicht auf literarisches oder künstlerisches Niveau aus sind.

d. Es bleibt uns als Werbeplattform die Möglichkeit, die sich vom iPad aus gut bietet, mit Film Performances unsere Bücher vorzustellen. Zum Glück haben wir in Frankfurt jetzt einen neuen Kulturraum, in dem das auch intern jederzeit möglich ist.
Es liegt also, was den Vertrieb der Bücher betrifft, ein nicht leichter Weg vor uns: packen wirs an.

In jedem Fall sind wir für Rat, Hilfe und Unterstützung unseres Zukunftsprojektes dankbar,
denn dass das crossmedia eBook das Buch eine Zukunft vor sich hat, davon sind wir überzeugt und möchten andere auch überzeugen.

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„Big Brother is watching you, just to give you happiness, sexual adventures, a good feeling and safety.“

Das Genre ist klar, diese Art Romane gab es früher als sog. Groschenromane, zum Beispiel „Lore Romane“, an der Kasse der Supermärkte.

Heute erscheinen sie als eBook, früher waren es die Romane auf schlechtem Papier, die die bildungsmäßig Unterprivilegierten in einfacher Sprache auf die Traumhöhen führte, die das harte, alltägliche Leben in der wenigen Freizeit etwas verschönten.

Entsprechend sind die Zutaten so, wie sie zu sein haben, allerdings in „Shades of Grey“ extraordinär krass gewählt:

der Mann ist nicht nur superreich, er kann alles, vom Klavierspielen bis zum Fliegenfischen und Helikopter fahren, er hat alles, nicht nur das riesige Unternehmen, Geld, nicht nur die größten Autos, sondern auch noch eine phantastische Bibliothek.
Er ist 27 Jahre jung und – wie fortwährend betont wird – wunderschön, treibt Sport und ist elegant gekleidet.

Heisst er eigentlich Max Levchin (Zeit, 2-2015), ist er einer der Herrscher im Reich der Algorithmen, wie Zuckerberg oder Steve Jobs?

Ein Prinz sozusagen, in jedem Fall mit dem Status eines Feudalherren inklusive Bediensteten und Bodygards, die er souverän kommandiert.
Damit, dass er als Sohn einer Crackhure aus dem verarmten Detroit stammt und von einer gutsituierten bürgerlichen Familie adoptiert wurde, erfüllt er zudem noch den amerikanischen Traum vom Selfmademan, von einem Aufstieg, den er – das Detail, das dann zur lüsternen Verruchtheit dieses Romanes führt – einer älteren Frau verdankt, die den Pubertierenden verführt hatte, in Sadomaso-Praktiken einweihte und Selbstbewusstsein und wohl auch Selbstbeherrschung vermittelte.

Dagegen: die Studentin mit dem alten VW, die Jungfrau ist, als sie diesem Supermann begegnet, und als Literaturstudentin ihre Vorstellung von Liebe und Sexualität aus Romanen des 19.Jahrhunderts bezieht, und die sich – welche Frau würde das nicht? – in diesen Traummann jeder Putzfrau, jeder Verkäuferin verliebt.
Das alles ist ziemlich einfach gestrickt, und ein solches Buch könnte ja in der Ecke verschwinden wie andere derartige Romane auch.

Wie erklärt sich der ungeheure Erfolg diese Buches?
Dass ein großer Teil ausgefüllt wird von sehr detaillierten Beschreibungen von nicht nur, aber auch Sadomaso-Sexszenen, dürfte der Grund nicht sein.
Das findet sich auch anderswo, obwohl das Buch schon in der Lage ist, einer durchschnittlich eher phantasielosen Sexualität aufzuhelfen und in Deutschland, besonders seitdem es außer den Büchern bei Goldmann den Film dazu gibt, die Beate Uhse Läden plötzlich Konjunktur haben.

Geschrieben ist es in eher simpler Sprache und in einer literarischen Form, die absolut im Genre bleibt, allerdings: die Autorin beherrscht in souveräner Weise das, was die Literaturwissenschaft den „inneren Monolog“ nennt (James Joyce, Ulisses).
Die Protagonistin, die sonst keine wesentlich persönlichen Merkmale hat und wie alle Figuren ohne authentisches Profil gezeichnet wird, spricht ständig in zwei Sprachen: der äußeren, in der sie schüchtern, wie es ihr als kleine Studentin zukommt, sich dem Supermann nähert, und der inneren, mit der sie sich ihm gegenüber ihre Ehre, ihr Selbstvertrauen und ihre Würde bewahrt und damit dem, was an Übermacht ihr entgegenkommt, entgegenstellt.

Das ist selbstverständlich allein literarisch darzustellen, macht aber auch literarisch das Niveau dieses Buches aus.
Der Kampf um diese Autonomie, durchgehalten auch in allen erotischen Szenen und Situationen – den von ihre geforderten Vertrag unterschreibt sie nie – ist der Spannungsmotor dieser sonst eher langatmigen Romantrilogie, die ja voll von Wiederholungen und Klischees ist, sprachlich und inhaltlich.
Dass die Protagonistin diesen Kampf führt und wie sie ihn führt, zeichnet sie aus, und tatsächlich vermittelt die Autorin vor allem über die inneren Monologe dem Leser glaubhaft, dass es sich wirklich um Liebe handelt.
Liebe macht es möglich, die Gegensätze zu überbrücken, aus Liebe gewinnt sie die Liebe und auch Treue ihres Superhelden, versteht sie, sich dem neurotisch traumatisierten Mann zu nähern, ihm Normalität in einer Beziehung herzustellen und zu sichern, während der Pychotherapeut ihn nicht von seinen Kindheitstraumata heilen konnte.
Und Liebe führt dann zu einem guten Ende der Buches: natürlich wie immer Happy End mit Kindern, großem Haus und unendlichem, familiären Glück.

Allerdings gewinnt sie diesen Kampf nur, weil sie sich dem geliebten „Kontrollfreak“ zum einen unterwirft und zum anderen auch entgegenstellt, die Haltung wenigstens nicht aufgibt, ihm gegenüber auch stark zu sein, was ihn außerordentlich reizt, seine Liebe zur ihr anstachelt.

Hier nun treffen wir den eigentlichen Nerv des Buches: der geliebte Milliardär hat über sie die Kontrolle in jedem Fall. Er braucht deshalb letztlich auch keinen Vertrag mit ihr.
Zu jeder Zeit weiss er, was sie tut, wo sie ist, immer spielt die Blackberry und der Mac eine zentrale Rolle – auch die eMails, die fortwährend eingeblendet werden.
Grey muss – selbst wenn sie noch so sehr versucht, selbstständig zu bleiben und sich autonom zu bewegen – nicht fürchten, dass sie ihm entkommt, nicht einmal in der kriminalistischen Engführung im dritten Buch: immer weiss er, wo sie ist, ist er in der Lage, sie zu orten, und allein dadurch ihr „Herr“.
Als Grund dafür, dass er sich dieser Mittel bedient, gibt er – das kennen wir alle nur zu gut – seine Sorge um ihre Sicherheit an.

Und damit sind wir in Zentrum dieses Romans: es geht um Herrschaft, Unterwerfung, Herrschaft 2015.

Nimmt man „Die Geschichte der O.“ von Pauline Reage (1954) dazu, dann zeichnet sich folgendes ab:

In diesem Bestseller, der von Francois Bondy als „literarische Kostbarkeit“ bezeichnet wird und der zweifellos hochkarätig das Sadomaso-Thema gestaltet, verliert O. immer mehr nicht nur ihre Ehre und Würde, sondern wird zuletzt zur gequälten Unperson, zum Käuzchen, das als Eigentum ihres Herren dekadent das unzüchtigen Partygeschehen dekoriert.
Die absolute Unterwerfung, zunächst in einer angeblich großen Liebe begründet, die sich durch das Opfer von Selbstständigkeit in einer sodomasochistischen Sexualität zu verstärken scheint, endet in der Aufgabe der Persönlichkeit, letztlich dann im Mord durch den Dom. Es geht um die Entgrenzung des Ich – befangen, aber auch gestützt von historisch entstandenen und befestigten Konventionen, das Ich im Old Europe.
Doch: dieser Roman entstand vor der digitalen Revolution im 20. Jahrhundert, in einer Zeit, in der Unterwerfung und Kontrolle einen ganz anderen Stellenwert hatte.

Wenn 2015, in seinem neuen Roman „Unterwerfung“ Houellebeqc dieses Thema aufgreift und sich auf die „Geschichte der O.“ bezieht, kommt er damit zu spät.
Nicht nur kann sich sein Buch mit dem von Reage literarisch besser nicht messen.
Indem er seine Sehnsucht nach der gefügigen Frau in einem von ihm extemporierten, liberal-muslimisch geprägten französischen Staat bestätigt und erfüllt sieht, wo bis zu vier Frauen den Mann bedienen, sexuell die Junge, geistig die Intellektuelle und in der Küche die Frauen dann, die praktisch sind und nach seinem Geschmack kochen können, entwirft er eine regressive Utopie, die wenig mit den heutigen Problemen des Islam und seinen Traditionen zu tun hat.
Eine solche Regression, einfach aus Frust, persönlich als Mann gescheitert zu sein, ist schlicht absurd, trifft auf letztlich unzeitgemäße Ängste von Konservativen, die das 20.Jahrhundert nun einmal nicht hinter sich lassen können, und wird nicht einmal der Pegida Problematik in Deutschland gerecht.

In „Shades of Grey“ dagegen, das ist die Botschaft, muss sich die sich unterwerfende Geliebte nicht demütigen lassen, nicht Entgrenzung des Ich ist das Thema, sondern Abgrenzung
der Persönlichkeit, deren Selbstständigkeit bedroht ist.
Sie darf – angeblich – das Heft in der Hand behalten, ihre Freiwilligkeit ist absolut gewährleistet, sie wird zu nichts gezwungen, sie ist beruflich erfolgreich tätig, hat ihre eigenen Termine, ist „emanzipiert“ und besteht darauf. Allerdings gehört der Verlag, in dem sie in leitender Funktion arbeitet, ihrem Geliebten, dafür hat er hinter ihrem Rücken gesorgt. Für das Kochen gibt es eine angestellte Köchin, das Personal nimmt ihr – der Frau des Chefs – alle Arbeit ab, sie kann sich der Teilnahme an einem feudalen Lebensstil erfreuen.
Dass sie auf ihre Würde pocht, auf ihrer Autonomität besteht, ist dem sie beherrschenden Mann durchaus recht, er bewundert sie sogar, weil sie das kann. Dass sie stark ist und bleibt, macht für ihn ihren Reiz aus, ist quasi die Voraussetzung für seine Liebe, die dieses Maß an Achtung verlangt.

Aber die Herrschaft bleibt bei ihm, er ist und bleibt in jedem Fall der Beherrschende. Der Herrschende braucht die Beherrschte, die Unterworfene, sie ist die Voraussetzung für seine Herrschaft, die ihm sicher ist, denn: er kann ihre Blackberry orten und hat sie damit total in der Hand und unter Kontrolle.
Es ist eine Scheinautonomie, mit der sich die Unterworfene glücklich fühlen darf, gibt dies ihr doch Reichtum und Sicherheit.
Sie behält, das Bewusstsein bleibt ihr, ihr Selbst – aber unterworfen ist sie trotzdem, auch wenn sie behütet vom überlegenen Herrscher gut leben kann.

Genau das propagiert der Roman, und damit besetzt er in eine ideologische Schnittstelle der digitalen Revolution im 21.Jahrhundert.
Die düstere Vision des George Orwell wird ad acta gelegt.

Big Brother is watching you, just to give you happiness, sexual adventures, a good feeling and safety.

Das heisst dann im Klartext: ja wir haben einen Neofeudalismus, ja wir haben trotzdem eine Demokratie, ein Wahltheater alle vier bis fünf Jahre, das der Werbeindustrie viel Geld einbringt, immerhin dürfen sich die Unterworfenen, Beherrschten in ihr in „Freiheit“ bewegen und agieren, sich gut fühlen, selbst entscheiden, auf ihre Sicherheit wird geachtet – nur daran, dass die Feudalherren der großen Konzerne, des Kapitals die Herrschaft inne haben, ändert das gar nichts, im Gegenteil.

Wir alle Unterworfene.
Und das ist gut so?

IMG_0462Endlich gibt es Klarheit: wir sind die Guten, wir vertreten die Freiheit der Rede, die Freiheit der Satire, unsere abendländische Werte.
Diese Identifikation vereint alle, und der französische Präsident wird neben der deutschen Kanzlerin an dem Trauermarsch durch Paris teilnehmen.
Vor allem: Zu solch einer Solidarität braucht es so viel nicht, nicht den Mut, den Wagemut der französischen Karikaturisten, es gab genügend Warnungen und Drohungen, sie mussten sich der Gefahr bewusst sein.
Aber es tut gut, das Schild zu tragen: „Je suis Charlie“, weil man allemal in der Menge im Gegensatz zu den ermordeten Journalisten der kleinen satirischen Zeitung nichts riskiert.
Und: das Gute an Märtyrern ist, dass sie tot sind, sie hatten es ja auch darauf angelegt zu sterben und verursachen damit keine kostenträchtigen Prozesse mehr.

Bei Beate Zschärpe ist es leider ganz anders. Ihre rechten Kumpel fanden zwar den Tod – aber sie lebt, und der NSU Prozess dauert an und kostet und kostet, vor allem weil immer noch und immer mehr undurchsichtig ist, wer an den Morden und auf welche Weise beteiligt war.
Ein „je suis“ , eine Identifikation – mit wem denn? – ist in diesem Fall nicht möglich, kein klares Bekenntnis.
Wer von denen, die diese Mörder hätten verfolgen müssen, die Morde vielleicht sogar hätten verhindern können, mindestens behindern, hat insgeheim „braun“ gedacht und die Mörder gedeckt? Der Prozess dieser Morde an unseren islamischen Mitbürgern „mit Migrationshintergrund“ läuft noch – das sei bei allem berechtigten Protest gegen die Morde in Paris nicht vergessen!

In den Interviews der politischen Sendungen wird immer wieder die Frage gestellt, ist ein solcher Überfall der Dschihadisten in Deutschland auch möglich?
Ja, er ist möglich, die Situation in den Pariser Vororten ist nicht anders als die in Berlin, Frankfurt und anderen Städten.

Bei uns in Deutschland gibt es die Alis und Mohammeds genauso. 1990 waren sie zehn Jahre alt in der 5. Klasse der Gesamtschule, Kinder mit klaren Augen, ein bisschen frech, aber aufgeweckt, neugierig und bestimmt nicht dumm.
Eine Kita aber hatten sie nie besucht und nie richtig Deutsch gelernt – und türkisch oder arabisch konnten sie auch nicht wirklich.
Wenn sie in den Ferien zu ihrer Familie in ihre Herkunftsländer nach Al Houssima oder Tanger, nach Istanbul oder Bursa fuhren, fielen sie ungut als Deutsche auf mit einem schlimmen Akzent. Aber klar, Deutsche waren sie eigentlich auch nicht, sie hatten ihre eigene Sprache. Sie sagten nicht: „Treffen wir uns um zwei Uhr an der Konstabler Wache?“, sondern: „Gehn wir Konsti, Alter?“ – und damit war klar, welche Sorte Deutsche sie nicht waren.
Die Alis und Mohammeds mussten dann in der 5. Klasse englisch lernen, Pflichtfach, kaum eine Chance, da auf eine gute Note zu kommen. Sie konnten zwei Sprachen nicht und die dritte schon gar nicht – auch zu Hause gab es da keine Hilfe. Und dann kam noch der „muttersprachliche Unterricht“ dazu, also eine vierte Sprache, die deutschen Kindern nicht zugemutet wurde. Für die Marokkaner hiess das: arabisch lernen, zu Hause sprach man berberisch, was dem deutschen Schulamt nicht aufgegangen war: die berberische Sprache hat mit der arabischen, nichts zu tun, war gar nicht ihre Muttersprache.
Wenn dann noch ein anderes Fach auch nicht besser als mangelhaft war, es brauchte nur Biologie oder Geschichte zu sein, dann war ein Hauptschulabschluss mehr drin.
Die Lehrer konnten sich noch so viel Mühe geben, die Eltern konnten in der Regel wenig oder gar kein Deutsch, eine weitergehende Verständigung mit den Lehrern war unmöglich. Höchstens, dass einmal ein älterer Bruder zur Sprechstunde kam, der aber auch nicht weiter wusste. Alle Seiten waren total überfordert, ein paarmal Sitzenbleiben, Schulabgang mit 17 Jahren die Folge.
Und dann? Vielleicht noch ein Förderjahr, und dann?
Irgendein Hilfsjob – auch der war, wenn man Ali oder Mohammed hiess und keinen Schulabschluss hatte, nicht so leicht zu bekommen, allemal nicht in den ersten Jahren nach 2000.
Zwei Möglichkeiten also blieben: Kriminalität oder Drogenhandel.
Die es schafften, als Dealer einzusteigen, fuhren dann mit 18 Jahren im Mercedes vor und konnten sich gut amüsieren.
Wer es nicht schaffte oder schaffen wollte, hatte keine Perspektive.
Die Prediger in der Moschee aber, die wussten Bescheid.
Ein Strahlen kam in die Augen der Hoffnungslosen: endlich gab es etwas, was sie nicht als Looser abstempelte, etwas Großes, Heiliges, das fühlten sie, das konnten sie begreifen.
Dazu: hinter diesen Predigern stand eine große Organisation, Leute, die sich auskannten, viel wussten, stark waren oder zu sein schienen, Strategien hatten und Geld verteilten. Zum ersten Mal waren sie jetzt jemand und das in einem großen Zusammenhang.
Sie hatten keine Sprache richtig gelernt, was auch heisst, sie hatten deshalb sprachliches Denken nicht gelernt, unterscheiden, differenzieren, ein paar Klischees in ihrem Weltverständnis reichten aus, um sie in ihre reduzierte und reduzierende „gehn wir Konsti-Sprache“ einzuordnen – aber sie hatten begriffen: Allah ist groß, Allah akbar.

Und dann gibt es da bösen Karikaturisten, die machen ihren großen Allah schlecht. Das darf man nicht, ihren Allah schlecht machen, ihre einzige Hoffnung, ihren einzigen Lichtblick am Ende eine Tunnels, der sonst ohne Ausgang wäre.
Dafür: Rache, Rache an der Gesellschaft, in der sie keine Chance haben, Rache, das macht Sinn, und Verteidigung von dem, was ihnen noch bleibt: ihr Leben ist sowieso ohne Ausweg und verpfuscht. Aber hier und damit haben sie jetzt einen Grund zu kämpfen und sich mit der Knarre in der Hand in ihren Augen ehrenvoll, wenn es denn schon sein muss, vom Leben zu verabschieden, das sich sowieso nicht lohnt – im anderen Leben wird alles besser werden, bestimmt.

Dass jetzt die Opfer dieser verwirrten Kinder, die von der Gesellschaft, die ihre Eltern aus wirtschaftlichen Gründen ins Land geholt hatte, in Stich gelassen worden waren (kaum Jugendzentren, Spielplätze, Angebote, Förderungen rechtzeitig) intellektuelle Bürgerliche sind mit einem großartigen spielerischen, künstlerischen Anspruch, ironisch, differenziert: das kann man ohne irgendeine der gerne mit diesem Wort sonst verbundenen Übertreibungen „tragisch“ nennen – ja, das ist eine Tragödie.

Ich wünschte mir, sie würde aufhören – oder es gäbe sie nicht. Aber die Situation an deutschen Schulen hat sich seit 1999 nicht wesentlich geändert. Der heute 10 jährige Ali findet die gleich Situation vor – oder sie ist schlimmer geworden in den Jahren – zusätzlich geht sein kleiner Bruder sowieso nicht in die Kita und lernt dort deutsch – dank der CSU bekommen seine Eltern dafür Geld.

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Späte Anerkennung für einen genialen Sänger, Texter und Musiker. 2012 kommt die Dokumentation „Searching for Sugar Man“ heraus, die bei der Oscar Verleihung 2013 als bester Dokumentarfilm ausgezeichnet wird, am 9. Mai verleiht ihm die Universität of Detroit den Ehrendoktortitel „Doctor of human letters“.
Soweit erst einmal: alles Weitere an Fakten findet man bei Wikipedia – und auf You Tube sogar Aufnahmen von einem Konzert 2013, das der alte Mann gibt, sichtlich gezeichnet von einem Leben mit schwerster körperlicher Arbeit: noch einmal die alten Lieder, aber die Stimme ist eher brüchig, und der Versuch, da anzuknüpfen, wo er als 28 Jähriger aufgehört hatte, ist ehrenwert, aber natürlich nicht möglich.

Der dokumentarische Film ist interessant, gut gefüllt mit Musik von Rodriguez, die auch auf den beiden heute verfügbaren Alben „Coming from Reality“ und „Cold Fact“ zu hören sind.
Sie ist als Kriminalgeschichte aufgebaut, gesucht wird nach einem Unbekannten, der sich angeblich nach einem erfolglosen Konzert auf offener Bühne erschossen hatte. Doch das ist gelogen, eine Fama im Interesse des Musikbetriebs. Es lebt, er wird gefunden, arm, alt, in seinem kleinen Haus in Detroit.
Ja manchmal spiele er noch Gitarre. Das Interview, das gefilmt wird, ist herzbewegend.
Dass seine Platten ein Megaerfolg in Australien und Südafrika waren, wusste er 2006, als er von den Journalisten und Filmemachern aufgespürt wurde, nicht und schon gar nicht, dass das Label Sussex Records, das ihm aufgrund seines Mißerfolgs in den USA gekündigt hatte, viel Geld mit seinen Alben eingeheimst hatte, Geld, das er niemals vom Label erhielt.

Cold fact

In wessen Interesse die Story von dem Selbstmord auf offener Bühne verbreitet wurde, wird im Film nicht deutlich gesagt, lässt sich aber leicht zusammen reimen: die Plattenfirma hatte die Rechte, den Vertrag aber gekündigt, konnte jetzt plötzlich eine Menge Geld verdienen und informierte Rodriguez einfach nicht, um dieses Geld selbst zu behalten, kein Problem – er wusste ja nichts davon. Um dies abzusichern, hatte Sussex Music, den Namen Sixto Rodriguez auf „Jesus Rodriguez“ bz. „Sixth Prince“ geändert. Das Interview, das Clearance Avan in der Dokumentation den Journalisten gibt, ist schlicht widerlich und kriminell: auf Geld käme es doch gar nicht an! Aber wo kein Kläger ist, ist auch kein Richter. Sussex Records kann wohl davon ausgehen, dass die Sache jetzt verjährt ist.

Sixto Rodriguez dagegen verbrachte die ganzen Jahre, in denen die Plattenfirma mit seiner Musik viel Geld verdiente, mit harter körperlicher Arbeit – bei Entrümpelungs- und Dachdeckerarbeiten vor allem – um seine Familie durchzubringen, dabei aber hat er sich, wie seine Töchter aussagen, nie sich selber aufgegeben, viel gelesen, seine Kinder sorgfältig erzogen und sich politisch in Detroit engagiert.

Clearence Avan

Avan
Leider fährt der dokumentarische Film ziemlich auf der gut bekannten Schiene: verkanntes Genie, schlechtes Gewissen und ja – so geht es den großen Künstlern. Wichtiger wäre, den wirklichen Gründen für sein Schicksal nachzugehen und die Schuldigen zu benennen, umso mehr als Rodriguzes sich eben nicht auf offener Bühne umgebracht hat.

Einmal ist da die Tatsache, dass sein Label damals sich keine sonderliche Mühe darauf verwendete, die Lieder so zu veröffentlichen, wie sie es verdient hätten: man hat – was auch den beiden Alben leider bis heute noch anhaftet – ein fürchtlich kitschiges Arrangement mit süsslichen Geigen, stilistischen Verballhornungen beigefügt, das die kraftvollen Gitarrensounds von Rodriguez überzieht und – so möchte ich es einmal schon mit einiger Wut sagen – verunglimpft.
Unbedingt müsste man diese Lieder noch einmal bearbeiten und von diesen Arrangements befreien. Das späte Konzert übrigens auf You Tube enthält solchen Kitsch nicht mehr, auf offener Bühne wird damit die musikalischen Wertigkeit der Songs deutlich.

Rodriguez war eben nur ein Latino aus dem damals verarmten Detroit, kein weisser jüdischstämmiger Amerikaner wie Bob Dylan, der sich gegenüber dem Label durchsetzen konnte und den Verantwortlichen zu diktieren in der Lage war, was er wollte und was nicht.
Dazu war Rodriguez wohl auch vom Charakter her einfach zu gradlinig für übliche Ränkespielchen, seine Texte enthalten klare Absagen an das Establishment. Nein, so nicht, nicht mit mir!

Zweifellos hat Rodriguez bei Dylan gelernt, der Song „Crucify your Mind“ weist in Richtung Bob Dylan.
Dennoch sind diese Texte von einer poetischen Klarheit und Wucht, wie man sie Bob Dylan selten findet, ebenso wie die Gitarre, die er spielt, einen unverkennbaren Groove hat und die Songs durch ihre Einfachheit und ihren poetische Sprache überzeugen.
Dass das Südafrikanische Publikum, das er bei 13 ausverkaufen Konzert nach seiner Entdeckung vorfindet, seine Lieder begeistert mitsingen kann, vor allem „I Wonder“, zeigt, dass sie mehr als viele Songs seiner Zeit das Zeug zum Hit haben.

Für den, der berührt, bestürzt und nachdenklich diese Lieder heute, 2015, hört und der Dokumentation folgt, bleibt:

Ja, es ist sehr schwer, Gutes gegen den Kulturbetrieb durchzusetzen, wenn man sich weigert, sich deswegen zu verbiegen, wenn man als Künstler radikal und ein ehrlicher Mensch bleiben will, der nicht nur Kritisches schreibt und singt, sondern sich auch im Leben so verhält und eine Opposition zum Establishment nicht aufgibt.

Das, was der Kunstbetrieb herausbringt, dem Publikumsgeschmack genehm, Mainstream, auf Quote gezüchtet, ist häufig sehr schnell vergessen, während solche Lieder überleben, auch wenn es nur ein sehr schmales Werk ist, das fataler Weise aus Verzweiflung und Frustration früh beendet und aufgegeben wurde.

Aber einige, vor allem sein Label damals, müssen sich für alle Zeiten schämen, was sie einem genialen Künstler angetan haben.

Establishment Blues Songtext

The mayor hides the crime rate
Council woman hesitates
Public gets irate, but forgets the vote date
Weatherman complaining, predicted sun, it’s raining
Everyone’s protesting, boyfriend keeps suggesting
You’re not like all of the rest.

Garbage ain’t collected, women ain’t protected
Politicians using people, they’re abusing
The mafia’s getting bigger, like pollution in the river
And you tell me that this is where it’s at.

I woke up this moming with an ache in my head
I splashed on my clothes as I spilled out of bed
I opened the window to listen to the news
But all I heard was the Establishment’s Blues.

Gun sales are soaring, housewives find life boring
Divorce the only answer, smoking causes cancer
This system’s gonna fall soon, to an angry young tune
And that’s a concrete cold fact.

The pope digs population, freedom from taxation
Teeny Bops are up tight, drinking at a stoplight
Miniskirt is flirting, I can’t stop so I’m hurting
Spinster sells her hopeless chest.

Adultery plays the kitchen, bigot cops non-fiction
The little man gets shafted, sons and monies drafted
Living by a time piece, new war in the far east.
Can you pass the Rorschach test?

It’s a hassle, it’s an educated guess.
Well, frankly I couldn’t care less.

Udo Jürgens

Udo Jürgens ist tot.
Das volle Programm Udo Jürgens im auch von mir pflichtbezahlten öffentlichen Fernsehen.

Ich müsste doch auch noch eine alte Platte von ihm in meinem Regal haben? Richtig, ich finde sie gleich unter „deutsch“ und „U Musik“, die Musik, die ich nicht so ernst nehme, eigentlich. Kitsch, Schlager und sonst noch was: „Lieder, die auf Reisen gehen“ von 1978, vor 37 Jahren, ist das lange her!

Ich höre noch einmal genau hin:

die Texte sind gut, schnörkellos und authentisch, sie stimmen, Satz für Satz.Sie reden von dem, was jeden betrifft, der zwischen 40 und 50 ist, seine erste Jugend hinter sich hat, eine Familie, Frau und Kinder, Termine, eine Tochter, die in der Schule sitzen bleibt, ein Donnerstag, an dem die Frau alleine zu Hause ist, und dann wieder eine neue Liebe, die geht.So sieht das Eheleben aus, solche Fehler macht man gegenüber seinem Kind, das Leben ist nicht vollkommen – aber es ist eben auch irgendwie schön, mit Emotionen und Enttäuschungen, gelebt und gefühlt. „Mitten im Leben“ heisst Udo Jürgens letzte Platte, hiess seine Abschiedsshow, das trifft den Tenor dieser Texte. Dass Udo Jürgens sich nach jeder Show im Bademantel in die Privatheit verabschiedet, ist verständlich: sich so direkt mit dem Publikum zu verbinden, hat seinen Preis. Er gibt ihm alles, er wird geliebt – aber natürlich bleibt diese Liebe immer auch abstrakt – der geliebte Entertainer ist auch ein „Mr. Einsamkeit“.

Udo Jürgens, ein grosser Poet?
Ein Dichter, den man an die Seite von Heine und Goethe stellen könnte?
Warum nicht?
Die aktuelle deutsche Lyrik mit ihrer durchschnittlich verquasten Metaphorik, hinter deren Sinn man auch nach 100 mal Nachdenken nicht kommt – falls man die geringste Lust verspürt, darüber noch nachzudenken: brauche ich nicht. Da ist mir jeder Song von Jürgens lieber.

Dennoch reicht es mir im Gegensatz zu Andreas Kresse (23.12.2014, SZ „Ein Deutsches Gefühl“) nicht, Jürgens unter „wir haben in Deutschland auch eine Popmusik“ zu subsumieren, so einfach lässt sich das nicht machen.
Halten die Texte von Udo Jürgens, hält seine Musik den Vergleich mit literarischer Lyrik oder auch der internationalen Popmusik aus?
Ich denke nicht.

Es ist die Glätte vor allem auch der Reime, die selbst dann falsch ausbügelt, wenn Probleme durchaus angesprochen werden, die etwas Idyllisches verheisst, zusammenfügt, was so sich nicht wirklich zusammengefügt, die damit die harte Wirklichkeit aufschönt.
Und dann natürlich die mit Geigen versüsste Musik, auf die Jürgens eigentlich verzichten könnte – er spielt wirklich hervorragend gut Klavier – die ihm aber wohl die Manager nahe gelegt haben.
Das Publikum liebt diese berauschende Klang – Überhöhung, es will geniessen, auch: es will die Probleme angesprochen wissen, sich dieser Probleme vergewissern, das schon, aber sich nicht den eigentlichen Wahrheiten stellen.

Was den Texten denn doch fehlt, ist eine Widerständigkeit, die Härte einer Doppelbödigkeit, die eben nicht die Sicherheit des Einverständigen vermittelt, die zum unruhigen Nachdenken bewegt, die das Sitzen in Sesseln ungemütlich werden lässt, aber auch eine Distanz der Künstler zu ihrem Publikum zur Voraussetzung hat und notwenig macht.

Diese Doppelbödigkeit haben die Texte der Beatles aber, („Norwegian Wood“), die Songs von Joe Cocker („I come in peace“), die Texte von Eminem und Andersson – und natürlich die Lyrik von Heine, Brecht, Celan und anderen auch dann, wenn auf Reime nicht verzichtet wird.

Ja – und da wohl ist wirklich ernsthafte, ernst zu nehmende Lyrik anders, muss sie anders sein.
Da ist auch Popmusik mit ihren progressiven Texten und Formen, nicht nur musikalisch, eine andere Liga.

Nun gut: das schmälert das Genre der Lieder von Udo Jürgens nicht, der dafür dicht am Publikum bleibt, aber auch: es setzt Margen, die es eben zu setzen gilt.

Ich stelle meine Platte wieder sorgfältig in mein Regal unter U-Musik – deutsch.

Etwas höher stehen die Platten von Joe Cocker, der heute gestorben ist, wie die Nachrichten berichten.

Friedrich Hölderlin, Sämtliche Werke, Frankfurter Ausgabe, Verlag Roter Stern, 1978

 

Aber ha ! den Göttern und Tyrannen

Weht Entsetzen ihr Verdammerspruch

Rache dräuend jagt er sie von dannen

Des Gewissens fürchterlicher Fluch.

 

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Ich schlage Hölderlin „Lieder und  Hymnen “ auf – daneben liegt der neue Spiegel Nr.51 über die Foltervergehen der CIA – und ja….Hölderlins Verse sind weder alt noch überflüssig, sie treffen – sofort – und heute!

Es gibt Bücher in meinem Regal, die mir sehr viel wert sind und auf die ich stolz bin. Eines der schönsten ist diese Hölderlin Ausgabe. Sie lässt sich nicht normal ins Bücherregal einstellen, aber dass das Format sperrig ist, ist angemessen. Die wissenschaftliche Edition enthält akribisch zusammengestellte Angaben, zeichnet die verschiedenen Versionen der Texte auf, gibt an, wo sie entstanden sind, und fügt viele Faksimileblätter der Handschriften bei.

Damals schrieb man, klar  – ohne Textprogramm anders als heute – mit Feder und Tinte auf Papier. Man konnte nicht ohne Mühe verbessern, abspeichern und dann noch einmal verbessern. Schreiben ist, was den manuellen manuellen Prozess betrifft, leichter geworden. Dafür aber geben uns die vielen Überschreibungen und Verbesserungen Hölderlins  einen Eindruck davon, mit welcher Mühe er um Worte und Sätze gerungen hatte, um einen Text, der die Jahrhunderte überdauert hat und weiter überdauern wird, vorausgesetzt, dass sich die  Generation unserer Kinder und Enkelkinder genauso weiter um eine solche Buchproduktion bemüht!

Dieses Buch, diese großartigen Texten kann ich mir nicht als eBook vorstellen. Als mit solcher Schönheit und Eleganz gedrucktes Werk ist es ein Stück wirklicher Kultur.

Feuerländer

Über Traditionen der Poesie von Nesimi (14. Jhd.) über Goethe bis heute

 

 

Dank der Übersetzung von Michael Reinhard Hess liegen uns jetzt die großartigenVerse von Nesimi in deutscher Sprache vor. Sie sind mehr als 600 Jahre alt und sprechen doch zu uns, als gäbe es diesen Zeit- und Kulturunterschied gar nicht.

(Videobild Joerg Franzmann)

 

 

NESIMI

Nutzen

Was kann der Seele ohne Liebe einer Herzensbotschaft nützen?

Was kann das Licht dem Augen, das nicht sieht, was seiner Sehkraft nützen?

Wem Ewigkeit nicht einen echten Teil an Einsicht schenkte,

was können dem die Verse, Deutung, Gottesworte, Botschaft nützen?

 

Den Wert einer Juwele kann nur ein Juwelier mit viel Erfahrung kennen, 

wenn man Juwelen Kurzsichtigen vorlegt, was denn soll das nützen?

Geschmack und den Genuss des Zucker können nur die Papageien schätzen,

was sollen Rosen denn der Krähen- und der Rabenmannschaft nützen?

 

Sei lieber klug und nimm bei Kummer nicht Juwelen von Nesimi,

sie werden nichts, um Liebenden Bedeckung beizuschaffen, nützen.  

 

Der Motte gleich verließ ich Deines Angesichtes Licht, bin fern

und brenne doch, du Licht und Feuer nachts, tagaus, tagein; wo find ich Dich?

(Sprachliche Überarbeitung Adelheid Seltmann)

 

Goethe hat diese Traditionen der Bilder und Topoi der östlichen Poesie in „Selige Sehnsucht“ übernommen: es ist bei ihm wie bei Nesimi die Einsicht, das nur Wenige verstehen und sehen, dass die meisten kurzsichtig sind, die ‚„Rabenmannschaft“ verhöhnt, was sie nicht schätzen und verstehen kann: dass das Lebendige sich aber, wie die Motte das Licht umkreisend, „nach Flammentod sehnet.“

 

JOHANN WOLFGANG V. GOETHE

 

Selige Sehnsucht

Sag es niemand, nur den Weisen,

Weil die Menge gleich verhöhnet:

Das Lebendgie will ich preisen,

Das nach Flammentod sich sehnet.

 

In der Liebesnächte Kühlung,

Die dich zeugte, wo du zeugtest,

Überfällt dich fremde Fühlung,

Wenn die stille Kerze leuchtet.

 

Nicht mehr bleibest du umfangen

In der Finsternis Beschattung,

Und dich reisset neu Verlangen

Auf zu höherer Begattung.

 

Keine Ferne macht dich schwierig,

Kommst geflogen und gebannt,

Und zuletzt, des Lichts begierig,

Bist du Schmetterling verbrannt.

 

Und so lang du das nicht hast,

Dieses: Stirb und Werde!

Bist du nur ein trüber Gast

Auf der dunklen Erde. 

 

Diese Verse aus dem Westöstlichen Diwan haben mich, seitdem ich ihnen begegnete, nie verlassen, ihre Wahrheit ist nicht zu leugnen und nicht zu zerstören. Aus meiner Liebe und in Verehrung für die großartigen Vorbilder wurde dann:

 

In „Westöstlich Feuer“     (Adelheid Seltmann)

 

Feuerländer

 

Meine Liebe ist gespannt, 

dass sie Glasränder 

zu scharfem Klingen brächte.

Jede Berührung würde ganz leicht 

ihre feine Glätte zerstören.

Sage nichts. 

Sag es niemand.

Lass mich empfindlich sein, wie ich bin.

Etwas könnte zerspringen sonst, 

vorzeitig, für immer.

 

Sage nichts. 

Sag es niemand, 

dass es Feuerländer gibt, 

blaurote Brände unter Wüstenböden, 

Böden, die Böden von Böden sind, 

die einbrechen ließen

in glühendes Brodeln.

Nirgends ein Festes,

kein sicherer Halt.

 

Zweideutigkeiten haben uns 

in die Länder der blauroten Glut, 

zu den Eisfeuern hin in die Wüste getrieben, 

glühend gefroren.

Gebrannte Kinder, wir, 

heimatlos

mit Brandmarken 

scharf in die Haut geschnitten.

 

Sag es niemand oder nur leise, 

dass die Zeichen ausgenüchtert sind. 

Gefüllte Leere, 

berechnete Schnörkel, 

bunt schillernde Tränen, 

übermütig und leicht, 

Witze gemagert durch Fasten, 

Zirkus der Küsse.

 

Sag es niemand, 

dass wir, Brennende, 

in Feuerländern wohnen, 

dass das blaue Rot, 

nicht blau, nicht rot, uns Lachen macht,

dass wir das Lachen 

im doppelten Spiegel sehen.

Das Spiegellachen spiegelt sich selbst 

noch einmal und wieder zurück,

Scheinwerte, Wertspiele.

 

In den Ländern unserer blauroten Glut 

bleibt nichts von Wert.

Aus den Spielwiesen 

fallen die Spiegel verglühend.

oUnser Liebesspiel allein ist ohne Zweifel, 

deines neben meinem, gleicher Klang.

Doppelt bleiben unsere Körper wirklich.

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Liebe Freunde bei Facebook, liebe „likes Freunde“ – ich bin froh, dass es euch gibt!

Nein, ich beklage nicht den Algorithmus der Facebook Seite: das was ich veröffentlicht habe, ist veröffentlicht und so gemacht, dass es alle erfahren sollen. Aber ich schätze sehr, dass ich über euch mehr weiss und auf euren Seiten erkennen kann, als nur Zahlen auf dem Konto oder Köpfe im Dunkel hinter meiner Vor – Leselampe, dass ich euch mir als Personen vorstellen kann, geheimnisvoll genug, rätselhaft sehr oft, manchmal bin ich erstaunt, manchmal berührt,
aber eben mit Gesichtern, Bewegungen, Vorlieben und Bildern.

Ich bin kein Voyeur, aber ich überwinde in Facebook das desolate Gefühl der Einsamkeit der Poetin hinter ihren fertigen Texten – und das tut gut, wirklich!

Schreiben ist eine einsame Arbeit, und diese Einsamkeit in der primäre Phase der Produktion ist nicht lästig, sondern notwendig.

Wenn ich schreibe, bin ich geradezu süchtig nach Einsamkeit und betrachte jeden Versuch, in meine Schreibwelt einzubrechen, als Hausfriedensbruch, gegen den ich mich wehre.

Am liebsten schreibe ich in einer Umgebung mit fremder oder mir nicht sofort verständlicher Sprache im Ausland. Dann sirren die Gespräche um mich herum, aber ich bleibe mit meinen deutschen Worten und Sätzen ungestört bei mir.

Die andere Wahrheit ist jedoch: ich schreibe nicht für mich. Ich schreibe kein Tagebuch, und sowieso ist es kein „autobiographisches Schreiben“, was ich da veranstalte.

Richtig ist, es sind meine Sätze und Gedanken und meine Erfahrungen mit den Menschen, die mich umgeben, die ich einbringe in meine Texte. Aber sie werden gefiltert, sie durchlaufen Prozesse einer phantastischen Umgestaltung mit verschiedenen Amalgamierungen, so dass ihre ursprünglichen Konkretheit nahezu unkenntlich ist.

Ich vermeide es deshalb, konkrete Namen zu nennen, am besten überhaupt Namen  zu nennen, die nicht deutlich konstruiert oder von einer gewissen Abstraktheit sind, ebenso keine konkreten Orte, Zeiten oder Daten, denn solche Zuweisungen lenken nur ab oder machen Ablenkungen möglich. Meine Texte möchten zutreffen, es sollte ihnen gelingen, „ins Schwarze zu treffen“ –  zum Nachdenken anzuregen.

Dann aber, wenn sie fertig sind, müssen sie heraustreten aus der Einsamkeit der Produktion, abgeliefert und ausgeliefert im Buch oder im Download bei Amazon oder iTunes, je nachdem. In jedem Fall sind sie der Öffentlichkeit preisgegeben, müssen sie vor ihr bestehen, muss ich vor der Öffentlichkeit mit ihnen bestehen.

Jetzt wird die primäre Einsamkeit aber zum Problem. Ein Buch ist ja ganz schön, aber ich weiss nur aus den Abrechnungen des Verlages, der von Amazon oder vom iBook Store, dass und wie viele Bücher verkauft wurden – mehr nicht. Zahlen, nur Zahlen – und der anfänglich Stolz, dass sie ja da sind auf den Webseiten und in den Katalogen, legt sich schnell.

Mache ich Lesungen oder stelle ich die Texte und Videos in Events dar, sitze ich unter einer Lampe – vor mir das Publikum, aber es sind leider nur Köpfe und Gestalten im Halbdunkel, die ich, abgesehen von den paar Freunden, die gekommen sind, nicht weiter kenne. Manchmal gibt es Diskussionen, das ist wunderbar und macht Mut, aber im Ganzen wird mir mein Publikum nicht wirklich bekannt, der Abend geht vorbei – ich bleibe zurück, und diese Einsamkeit ist nicht beruhigend.

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Als ,Westler‘ und ,Ungläubiger‘ das angelesene Wissen über den Orient als Spiegel für eine westliche Dichtung zu benutzen, die wiederum selbst eine – teils bewusste, teils eher empathische – Reflexion orientalischer Elemente darstellt, erscheint als eine Art praktischer Interkulturalismus, dessen Ergebnis eine Mini-Bilanz der Gemeinsamkeiten und Unterschiede, der Verbindungs- und Anknüpfungspunkte, aber auch der Diskontinuitäten sein könnte, von denen unser Zeitalter geprägt ist. 

Die dem deutschen Leser von „FEUER“ beigegebenen Anmerkungen dienen somit nicht dazu, die dem orientalistisch nicht Vorgebildeten vielleicht verborgenen Bezüge dieser Texte zu „offenbaren“ oder gar ihre Sinn zu „erklären“, was mit ziemlicher Sicherheit auf die Dekonstruktion dieser Texte hinausliefe.

Vielmehr geht darum, zu einer neuen Art der Lektüre orientalisch-okzidentalischer Übergangsphänomene anzuleiten, die auf den marktwirksamen Zauber des Exotischen ebenso verzichtet wie auf den panischen Duktus der politischen und militärischen Bedrohungsszenarien, und die dort ansetzt, wo Goethe vor fast zwei Jahrhunderten aufhörte. 

(Aus dem Vorwort zum eBook von PD Dr. Michael Reinhard Hess)

 

Feuerträger,

deine Fackel wurde angezündet

an den Ölfeuern des Wüstenlandes

und weitergetragen,

sie wurde angezündet

von den Versen der Tänzer

und weiter getragen,

sie wurde vom Hauch der Flöte angezündet

und weitergetragen.

Seit ich dich sah,

den Anzündenden mit der Fackel,

sieht mein Auge mit deinen Augen.

Meine Zeit ist in deiner Zeit.

Ich habe gelernt,

deine Sprache zu sprechen.

…….

Glühende sind wir alle, die wir doch nicht verstehen.

(Zitat: Hölderlin) 

 

 

Ey ateşi taşıyan

meşalen

Kırlar ülkesinin petrol ateşlerinde tutuşturuldu

ve oradan ötelere taşındı

dansçıların mısralarıyla tutuşturuldu 

ve daha ileri taşındı

ney’in nefesiyle tutuşturuldu

ve daha öteye taşındı

Seni göreli

tutuşturanı, meşalenle,

benim gözüm senin gözlerinle görüyor.

Benim zamanım senin zamanındadır

Senin dilinle

konuşmayı öğrendim.


Adelheid Seltmann, 
Westöstlich Feuer Teil 1 und 2 —- West Eastern Fire Part 1 and 2 

(Die Veröffentlichung der türkischen Übersetzung von Michael Reinhard Hess ist in Vorbereitung)

7,99 € crossmedia eBook mit Videos Auf dem iPad und Mac verfügbar. 

Kategorie: Dichtung Erschienen: 01.10.2014 Verlag: entire3 Berlin Druckseiten: 174 Seiten, Sprachen : deutsch, english, türkiye

 

Videobilder, Joerg Franzmann

 

Feuerglanzfeuer

 

 

 

 

 

 

 

Ohne Titel

Bann des feuers


 

 

 

 

 

 

 

Der Textzyklus „Feuer“ zeichnet den Verlauf einer Liebesgeschichte, in der über die konkrete Metapher „Feuer“ individuelle Gefühle sich objektiviert und zugleich intensiviert darstellen. 

Damit wird an die Traditionen des Sufismus sowohl wie an die literarische des „westöstlichen Diwan“ von Goethe und später Rückert anknüpfend ein Prozess kultureller Auseinandersetzung und Bereicherung fortgeführt, der im 21. Jahrhundert durch die aktuellen politischen Konstellationen von besonderer Brisanz ist.

Die Bücher werden ergänzt durch Videos bzw. Tiffs von Joerg Franzmann und einer Einleitung des Turkologen Michael R.Hess, der auch erklärende wissenschaftlich instrumentierte Kommentare zu den einzelnen Texten hinzugefügt hat, die die Texte in einen erweiterten Kontext stellen und einen historischen Verstehenshorizont eröffnen.

  

Die Spur des Krokodils

Digital Art Poetry

Adelheid Seltmann und Joerg Franzmann

 

 

 

Dieses Buch ist mit iBooks auf Ihrem Mac oder iPad und auf Ihrem Computer mit iTunes zum Download verfügbar. Multi‑Touch‑Bücher können mit iBooks auf Ihrem Mac oder iPad gelesen werden. Interaktive Features funktionieren u. U. am besten auf einem iPad. Für iBooks auf dem Mac ist OS X 10.9 oder neuer erforderlich.

 

Beschreibung

Das „Tierische“ in uns ist der thematische Beat, auf den die 84 Texte von „Spuren vom Krokodil“ in 12 Zyklen gesetzt sind. Eines der ältesten, heute noch lebenden, überlebenden Tiere der Erdgeschichte, das Krokodil, steht in diesem Text dafür, aber auch Vögel und Fische, wie der uralte Quastenflosser. Es ist das eher unbewusste Gefühl einer über lange Wege genetischen Metamorphose, das uns mit diesen Tieren in vielfältiger Weise verbindet, auch eine unbestimmte Sehnsucht: bewundernd zum einen, sie wie in vielen Traditionen der alten Völker als Göttern verehrend, sie fürchtend, sie ausstellend in Zoos, von ihnen träumend oder als Plastikspielzeug sie nachbildend für unsere Kinder. Wie viel Tier steckt in uns noch, wie viel Tier wünschen wir, dass es in uns steckte, wenn wir Bilder von Krokodilen, Vögeln und Fischen als Tattoos in unsere Haut einstechen lassen? Wie viel „Tier“ brauchen wir, möchten wir in unserem Liebesleben sein, um uns glücklich zu fühlen? Die Texte kreisen um eine mögliche Antwort und nehmen Erzählerisches zurück, indem ihr Rhythmus durch unterstreichende und problematisierende Refrains unterbrochen oder auch durch Wiederholungen geprägt wird.Als „digital art poetry“ gehören sie zu einem digitalen Gesamtkonzept, das von Club Performances geprägte Videos, Techno und House – Musik und gesprochene Sprache integriert, so dass sie als enriched E-Book oder auch als Performances darstellbar sind.

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Neue Funktionen von Version 1.1

Neues Layout, erweiterte BildauswahL

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MASKEN 1(Billy Wilder 1960, Shirley MacLaine – Jack Lemmon)

Videobild Joerg Franzmann ( auch in „Spur des Krokodils“, Adelheid Seltmann & Joerg Franzmann)

Ich gebe meine eigene Wohnung, mit allem, was meine persönliche Umgebung, meine Privatheit ist, was zu mir gehört und niemand anderem, für Geld an Fremde weg: was mache ich da eigentlich, was passiert dabei mit mir? Hat meine Wohnung etwa nichts mit mir zu tun? Gibt es mich als Person in meiner Wohnung so wenig, dass es mir gleichgültig ist, wer zwei gerade bewohnt? Habe ich überhaupt ein Selbst, das für sich besteht, das den eigenen Raum braucht und ausfüllt?

Airbnb gab es 1960 noch nicht, aber ein fremder Blick auf diesen Film – ein Meisterwerk, das Bestand hat und haben  wird – lohnt sich, denn er eröffnet etwas Erstaunliches. Nur 55 Jahre entfernt – und es ist doch eine ganz andere Zeit und sowieso eine ganz andere Ästhetik des Filmes.

Was es nicht gibt: schnelle Schnitte, Filmsekunden und Minuten ausgefüllt mit Ein- und Aussteigen aus Autos bzw. Fahrten im Auto, Gewalt- und Sexszenen, Rätselstrukturen von im Grunde genommen wenig übersichtlichen Handlungssträngen.

Dafür eine ruhige, sehr genaue Bildführung. Details werden präzis ausgeführt, der Film nimmt den Zuschauer in ein Bildgeschehen hinein, ohne zu belehren oder mit einer aufgesetzten Kritik zu belästigen. Gerade deshalb belehrt er darüber, was es heisst Mensch zu sein.

Die Szenen sind in der Arbeitswelt und in der Nachbarschaft des kleinen Angstellten in New York geerdet, in der realen Umgebung des demütigen und gedemütigten Menschen, der doch hofft, von seiner 19. Etage aufzusteigen in die 27zigste, in dem Alltag der kleinen Aufseherin im Aufzug, die es zu mehr nicht bringen wird, weil sie keine Orthographie kann. Das Techtelmechtel mit dem verheirateten Mann aus der Chefetage wird, das weiss sie eigentlich und erfährt sie im Verlauf des Filmes immer mehr, ihre untergeordnete Position nicht verbessern.

Der Film, der so konkret und wenig spektakulär im Alltag der Benachteiligten bleibt, erhebt sich in dem Augenblick über die hoffnungslos depravierte Situation als Baxter (Jack Lemmon) sich weigert, sein Apartment für ein Stelldichein mit seinem Chef und Miss Kubelik (Shirley McLaine) frei zu geben.

Dieses „Nein“ gesprochen von dem gequälten Menschen, dieses: „Ich bin ein Mensch“ im Gesicht des Widersprechenden ist der Befreiungsschlag, der ihm den Weg zu seiner Liebe öffnet.

Nein, meine Wohnung gehört mir – selbst wenn ich sie jetzt aufgeben muss, weil ich mich behaupte, darauf bestehe, dass es meine Wohnung ist, und deshalb meinen Job verliere. Das Selbstbewusstsein des Ich generiert sich im Bewusstsein und im Bekenntnis zu seiner Liebe, es verteidigt seinen Stolz bis zum Letzten – diesen Stolz lässt es sich um kein Geld, um keiner Karriere willen abkaufen. Mein Apartment gehört mir – weil meine Liebe mir gehört: das ist die Botschaft.

Dieser Film ist mehr als eine großartige alte Hollywood Komödie: er gibt uns zu denken, die wir „nach einer neuen Humanität“ suchen, die wir uns fragen müssen, wie viel eine Privatheit uns wert ist und wie viel von uns selbst wir aufgeben, wenn wir auf unser Privates verzichten oder verzichten müssen.

Epitaph 1DeutschesEpitaph 2

Für Digital Art Poetry, entire3 Berlin ist „Deutsches Epitaph“ (auch in Englisch „German Epitaph„) ein Pilotprojekt.

Zum ersten Mal wird hier ein Text aus „Stadt der Hieronymos“ von Adelheid Seltmann mit 21 Videos von Jörg Franzmann, in denen die Texte zu elektronischer Musik, von Stephan Mathieu arrangiert, von Peter Heusch bzw. Paul F. Cowlan eingesprochen wurden, in einem kompletten crossmedia eBook veröffentlicht.

Informationen zu den Texten und ein Kapitel über die Arbeit an dem Projekt sowie seine theoretische Voraussetzungen kommen ergänzend hinzu.

Das Buch ist  inhaltlich historisch orientiert, doch nur in dem Kapitel Images wird das Thema Holocaust direkt angegangen, dies aus der Sicht der nächsten Generation. Es geht vor allem um die traumatischen Folgen der deutschen Geschichte, die Verarbeitung des Schrecklichen nach 1945, und dann um einen Neuanfang, eine Utopie, wie sie der Protagonist Hieronymus zuletzt findet.

Für dieses crossmedia eBook, das auch als gedruckter Text vorliegt  (Shakermedia Verlag Aachen 2008), kann es den Verlag nicht mehr geben, den man bisher gekannt hat, es ist als Gesamtkunstwerk ausschließlich ein eBook.

„Self Publishing“ ist da ein Begriff, der für diese Art der Arbeit nicht mehr trägt. Wir konnten es nur mit einem Team machen: mit den Musikern, dem Videokünstler und den Sprechern, und ohne die Programmierung des kostenlosen Authoring Programms von Apple wäre eine Fertigstellung schon aus finanziellen Gründen für uns nicht möglich gewesen.

Das erforderte einige technische Voraussetzungen, Investitionen für das Studio waren notwendig. Zudem musste das Team miteinander bei allen Schwierigkeiten, die es gab, gut mit einander kommunizieren.

Das Programm ist relativ leicht zu handhaben und macht es möglich, die verschiedenen Parameter in das Buch einzubringen. Das Layout wird dabei zum Teil  vorgegeben, der individuelle Spielraum für eine Gestaltung ist begrenzt. Zudem sind wir, was den Vertrieb betrifft, auf die Apple Plattform angewiesen.

Diese Art der Herstellung und Arbeit hat mit dem alten Verlags und Vertriebssystem nichts mehr zu tun, auch: zwischen dem gedruckten Buch 2008 und dem crossmedia eBook liegen Welten.

Es hat 10 Jahre gedauert, bis wir jetzt endlich das Buch so zum Download anbieten können, wie es ab November 2014 bei iTunes annonciert ist.


Joerg Franzmann

 

b88 b62 b48 b71 4. KREBS

entwickelt seine Videos auch da auf der Basis von fotographischem, konkretem Material, wo sie anscheinend abstrakt sind – aufsteigend damit vom Konkreten zum Abstrakten.

Was in den Videos wirklich steckt, sieht man noch einmal neu, wenn man sie Bild für Bild auseinander faltet.

Jedes Bild ist „komponiert“, ist ein Bild für sich, das eine Wirkung auch ohne den Zusammenhang in einem schnellen Videoablauf entfalten kann.

Das wird sehr deutlich in der Serie „Nicht Krokodil“ (105 Bilder) in dem crossmedia e Book „Spuren des Krokodils“, die auch als Improvisation zur Musik im Berliner Club Berghain („getting perlonized“) auf dem Bildschirm der Panorama Bar eingespielt wurden, nur dass selbstverständlich in dem Zusammenhang die Wirkung eine ganz andere war – auch verständlicher Weise die Rezeption des Videos durch die Partyteilnehmer.

Für das Projekt „Digital Art Poetry“ eignen sich diese Videos vor allem deshalb, weil sie keinen Handlungsverlauf suggerieren, sondern in ihnen die Handlung sozusagen nach innen in die Bildebene selbst verlegt wird.

Es sind stille Bilder, die thematisch um sich selber kreisen, das Thema in verschiedenen Variationen darstellen, aber keinen Verlauf suggerieren, der eine dramatische Entwicklung vor sich hat, auch dann nicht, wenn ein schneller Bildwechsel vorgenommen wird.

 

 

Krebs 1krebs 3krebs 44. KREBS

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die hier ausgewählten Einzelbilder, die dem Videofilm entnommen sind, zeigen allerdings nicht einfach Muster, wie es vielleicht den Anschein hat, es sind kleine, „eincomputierte“ Filme von Fröschen, Frauengesichtern, Schlangen, die so klein arrangiert bei genauem Hinsehen Ekel und Grauen erzeugen.

Allerdings haben diese Filme (2004) noch keine HDD Deutlichkeit. Die Wirkung würde sich bei einer entsprechen höheren Pixelrate erheblich steigern lassen.

Mit diesem Vorgehen entsprechen die Bilder dem der Texte, die in der gleichen Weise wie Vektoren von allen Seiten ihr Thema einkreisen, es dialektisch hin und her bewegend. Die Utopie liegt dabei in den Themen selbst und wird nicht dramatisch als Handlung entwickelt. Damit ist Ausgang einer Geschichte in ihr selbst angelegt und unterliegt keinem Spannungsbogen, der Leser oder Hörer aufpeitscht zu Abenteuern des Unerwarteten, so wie wir das von Krimis gewohnt sind. Schon gar nicht wird auf ein Abtauchen in Parallelwelten abgezielt, wie es manche Computerspiele tun.

Von dieser Art Erzählen setzt sich Digital Art Poetry deutlich ab – und überlässt das damit dem Mainstream der Romane und Fernsehfilme und Spiele.

Dafür aber ist es möglich, gerade auch weil Musik und Bild den sinnlichen Eindruck verstärken und verschärfen, mit um so größerer Intensität den Inhalt, seinen Ausdruck, seine Message darzustellen und ein Nachdenken des Lesers anzuregen.

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Ohne Titel

„Das verlassene Volk“

Der Spiegel, Nr.44/2014

 

Ein beeindruckend komplexer Beitrag zu einem aktuellen politischen Thema

Ich lese den Spiegel auf dem iPad, was heisst: ich lade mir die Version herunter, die Filme, Videos und Bilder enthält, zusätzlich zu dem Text, der auch in der gedruckten Ausgabe erscheint.

Selten hat mich bei meiner Lektüre auf dem iPad ein Artikel so berührt und überzeugt wie der Artikel über die Kurden „ Das verlassene Volk.“

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Zum crossmedialen eBook „Stadtwald“

 

Stadtwald 1stadwald 2lStadtwald 3

 

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Tod

 „Der Tod ist ein Meister“

 

Videobild Joerg Franzmann

 

 

 

 

 

 

 

Es gibt Gedichte, die man auswendig weiss, weil sie einmal wichtig waren und es weiterhin geblieben sind.

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Wozu ist autobiographisches Schreiben gut?

ZU: Nicole Zepter, „Bin ich wie meine Mutter?“  Die ZEIT Nr. 47, 2014

GESCHMACKOHNE ENDE

MASKEN 1

Videobild: Joerg Franzmann

Warum veröffentlich die Zeit diesen Artikel von Nicole Zepter mit privaten Fotos?

Warum gibt sie private Details von sich preis?

Was ist Privatsphäre – in Facebook hoch angesiedelt, angeblich – noch wert?

Welches Selbst entblösst sich in solchen Artikeln, und weshalb schont diese Selbst sich nicht – und andere gleichfalls?

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Gloomingjpg

Videobild Joerg Franzmann

Welche Werte sind gültig?

Die Werte des Besitzes sind nicht Werte fürs Leben, ein grosses Auto ist nicht mehr als das, und Geld macht nicht glücklich. Noch weniger, versteht sich, macht es glücklich, keines zu haben.

Der Kapitalismus kann seine Kinder nicht ausreichend versorgen: er vermittelt keinen Lebenssinn, seine Werte sind die von Konten und Zahlen, von Dingen und Gelegenheiten, aber nicht Werte, die tragend sind.

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UnknownAuf der Udo Jürgens Gala in Freiburg (ZDF)

Lang Lang, angekündigt als der grösste aller Pianisten, spielte auf der Udo Jürgens Gala zu seinem 80. Geburtstag das „alla turca“ (KV. 331, 1783) von Wolfgang Amadeus Mozart – angeblich, weil Udo Jürgens ein Liebhaber von Mozart sei, so wurde es von dem Moderator Kerner angekündigt.

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8 feuerfurcht 3

Videobild Joerg Franzmann

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein.

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Deutsches Epitaph 1Ein wirklich neues Buch.

Dieses eBook ist eine neue Art Gesamtkunstwerk.

 

 

 

 

 

 

 

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