Vordenker


 

 

Zur Programmatik einer digitalen Literatur, Vordenker im frühen 20.Jahrhundert

 

Wenn ein Schriftsteller ein freier Mann wäre, dann gäbe es keine Fabel, keine Komik, keine Tragik, keine Liebesgeschichte oder Katastrophe im üblichen Sinn  

und vielleicht keinen einzigen Knopf, der so angenäht wäre, wie die Schneider in Bond Streets es vorschreiben. 

Das Leben ist keine symmetrische angeordnete Reihe von Wagenlampen, das Leben ist ein leuchtender Nimbus, eine halbdurchsichtige Hülle, die uns vom Anfang unseres Bewusstseins bis zum Ende umgibt. …

Wir plädieren nicht einfach nur für Mut und Aufrichtigkeit, wir geben zu bedenken, dass der eigentliche Stoff der Romankunst etwas anderes ist als das, was die Gewohnheit uns glauben machen möchte.“ 

Virginia Woolfe (Essay: Moderne Romankunst)

 

„War aber nicht diese Entdeckung, zu der die Kunst uns verhelfen konnte, im Grunde die Entdeckung dessen, was uns das Kostbarste sein müsste, gewöhnlich uns aber für immer unbekannt bleibt: unser wahres Leben, die Wirklichkeit, wie wir sie verspürt haben, wie sie aber doch von dem, was wir glauben, so erheblich abweicht, dass wir ein derart starkes Glück empfinden, wenn uns ein Zufall die wirkliche Erinnerung daran entgegen trägt?

Ich versicherte mich dieser Tatsache gerade durch den trügerischen Charakter der angeblich realistischen Kunst, die nicht so verlogen wäre, wenn wir nicht im Leben die Gewohnheit angenommen hätten, dem, was wir fühlen, einen Ausdruck zu geben, der sich zwar gewaltig davon entfernt, den wir aber nach kurzer Zeit für die Wirklichkeit halten.

Die wahre Kunst hat mit so zahlreichen Proklamationen nichts zu tun. Ein Buch, das Theorien enthält, ist wie ein Gegenstand, an dem noch das Preisschild hängt.

Man argumentiert und redet um die Dinge herum, wann immer man nicht die Kraft besitzt, ausschließlich einen Eindruck aller aufeinander folgenden Zustände durchlaufen zu lassen, die zu seiner Fixierung, seinem Ausdruck führen.

Die auszudrückende Wirklichkeit hat seinen Sitz nicht in dem äußeren Aspekt des Objekts, sondern in einer Tiefe, in der dieser Schein wenig Bedeutung hat.“

Marcel Proust („Die wieder gefundenen Zeit“)

 

Die obigen Ausschnitte und Zitate von Viginia Woolfe und Marcel Proust entstammen noch der Zeit vor der digitalen Revolution – dem wirklichen Ende der Gutenberg Ära – und weisen dennoch auf das Neue fast seherisch hin, während sich das längst abgestandenen Alte immer noch am Leben erhält und man glaubt, man könne ungeachtet dessen, was diese Dichter und Schriftsteller schon voraus gesagt hatten, immer noch so weiter machen wie bisher.