Verderben Algorithmen die Kreativiät?


 

kann man in ihnen eine Gefahr der “Entmenschlichung” sehen?

Das Gespenst geht um, dass Kreativität am Computer gar nicht wirklich möglich ist, dass der Computer den künstlerischen Menschen zum Maschinenmenschen macht, zum Sklaven von Algorithmen, ein Gespenst, dass Frank Schirrmacher in seinem Buch „Ego“ grauenvoll und kulturpessimistisch nachzeichnet.

Am Computer schreiben? Unmöglich. Furchtbares ist wie ein Menetekel an die Wand zu malen, mit dem Computer verschwindet die Möglichkeit der fantasievollen Inspiration?

Sicherlich darf man nicht unterschätzen, dass die Arbeit am Computer schon Wirkungen auf diejenigen hat, die ihn bedienen. Computer sind genau, sie vermerken jeden Fehler – sie lassen allerdings auch zu, dass er schnell korrigiert wird. Sie verändern das Schreiben schon auch, weil sie den Duktus des Kurzen, Prägnanten provozieren.

Es ist ganz sicher notwendig, einen Text vorher im Kopf zu haben, wenn man sich an den Bildschirm setzt, um ihn aufzuschreiben, absolut wichtig, die Distanz zur Maschine zu bewahren zu, sich ihr nicht zu unterwerfen.

Jaron Lanier hat das in seiner Rede am 12. Oktober in der Paulskirche in Frankfurt anlässlich der Verleihung des Friedenpreises des deutschen Buchhandels thematisiert:

„Ohne Menschen sind Computer Raumwärmer, die Muster erzeugen.“

Das ist selbstverständlich, sollte aber kein Anlass für ein reaktionäres Denken sein, sich in einer prinzipellen Ablehnung des eBooks und aller digitalen Veränderungen bestätigt zu sehen. Meine Vermutung ist, dass der Buchhandel, der in Nöten ist, einen solchen Satz und die Argumentation von Lanier ganz gerne missverstehen, sie ihrer Dialektik berauben und Lanier als Zeugen gegen digitales Publizieren in die Pflicht nehmen möchte.

Wenn man den Hintersinn seiner Rede begreift, dann geht es Lanier ganz einfach darum, dass der Meister des Digitalen der Mensch sein muss, der in seinem Sein, seinem Bewusstsein, seiner Kreativität sich nicht einfangen lässt von digitalen Prozessen, von der digital operierenden und figurierten Wirtschaft, der seine Würde bewahrt, aber das nutzt, was die Maschine für ihn bereit stellt: und das ist viel.

Auch: es braucht noch viele Updates, bis die Maschine wirklich das macht, was sie machen soll. Und: mit jedem Update kann und sollte die Maschine für den User eine weitere Befreiung von ihr generieren.

Konkret ist es wichtig, über Einzelheiten der Bedienung von Computerprogrammen nicht mehr nachdenken zu müssen. Dann aber sind die Programme wunderbare Sklaven, die es ermöglichen, Falsches schnell zu löschen, alles sofort zu speichern, jede Wiederholung zuzulassen, eine Übersicht über Geschriebenes zu vermitteln usw.

Die Befreiung vom Computer als Maschine ist deshalb die Voraussetzung, die durch ihn gegebenen Freiheiten künstlerisch zu nutzen.

So reicht es sicher nicht, wenn eine Musik sich den maschinellen Rhythmen und Klängen total anpasst, ihr das Irreguläre und Chaotische fehlt, wenn sie unkörperlich wird, wie tiefgefroren wirkt, genauso wie Bilder und Videofilme vermeiden müssen, den Computer Mustern zu folgen, sie einfach zu übernehmen. Das meinte Lanier woh und davor warnte er zu Recht.

Wir haben deshalb Musik ausgewählt, die solcher Formierung entgegensteht, ebenso wie es den Bildern von Joerg Franzmann anzusehen ist, dass er seine Bilder völlig in Beherrschung seiner Maschine macht, und seine Fantasie uneingeschränkt durchsetzt. Er bearbeitet sein filmisches Material mit seinem Apparat souverän, traumhaft originell. Es ist, als hätte er einen geheimen Pakt mit seinen Programmen geschlossen, die ihm folgen, aber er ihnen nicht mehr, als er es ihnen zugestehen will. Es macht die seltene Qualität seiner Bilder aus, dass im Gegenteil der Computer sein Komplize ist, der ihm jede Merkwürdigkeit, des ästhetische Konfiguration möglich macht.