Ich denke, ja.

Die digitalen Ausgaben der SZ, der ZEIT und des Spiegel z.B. und erst recht die der Washington Post oder der NYTimes haben inzwischen wenig mehr mit ihren parallelen Papierausgaben zu tun.

Zwar sind die Ressorts geblieben – „Wirtschaft – Kultur – Außenpolittik – Innenpolitik -Regionales“ usw. – aber die Informationen und einzelnen Passagen in ihnen werden so miteinander verlinkt, dass sich eine interne Struktur neuer Art entwickelt, die man im Gegensatz zu der linearen (ich lese die Zeitung durch) als vektoriell bezeichnen kann.
Das liegt zum einen technisch nahe, da eine Verlinkung digital unproblematisch ist.
Zum anderen aber entsteht durch die Verlinkung eine strukturelle und damit selbstverständlich auch stilistische Veränderung für das Schreiben der Journalisten ebenso wie für den Leser, der den Informationspfaden folgt.

Jetzt schon gibt es in allen digitalen Journalen Live-Interviews, Reportagen, wie sie früher dem TV vorbehalten waren, das volle multimediale Programm.

Geht man zurück zu dem, was Vilem Flusser für das poetische Erzählen voraussagt („Ins Universum der technischen Bilder“) – und begründet, könnte man diese Entwicklung des Journalismus als vorbereitend für eine ebenfalls vektoriell strukturierte Poesie begreifen.

Noch sind es die Kochbücher, die Krimis und die Liebesromane, die den e-Book Markt beherrschen, weil sie billiger und leichter zu handhaben sind.
Noch sind vor allem die poetischen eBooks in der Regel ein elektronischer Abklatsch der PDF Ausgaben der gedruckten Büchern des Verlagsprogrammes, das auch im normalen Papierbuchdruck zu haben ist.

Doch mit der fortschreitenden Digitalisierung wird das, was im digitalen Journalismus längst Alltag ist, auch für das poetische Buch die Norm sein.
Schreibprogramme wie z.B. Pages legen das bereits nahe. Leicht können Bilder, Filme, Videos und Podcasts in die Texte integriert werden.

Damit aber werden diese Texte nicht mehr traditionell veröffentlicht werden können, weil sie als genuine eBooks – wie die Apps der Zeitungen multimedial (crossmedial) verlinkt – in einer bisher nicht möglichen Komplexität vektoriell gedacht und geschrieben wurden.

Noch schreibt Verdi SV Berlin seinen diesjährigen Literaturpreis ausdrücklich für ein gedrucktes Buch aus – versteht sich bei einem „richtigen Verlag“.
Es ist ja wohl immer so: jede Erneuerung wird von rückwärts orientierten Bewegungen begleitet.

Sie werden das Neue nicht verhindern können.