Making of Epitaph

THEMA :

Die posttraumatische Situation in Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg und dem Holocaust.

WALLS

WALLS

                                   

2003

Es gibt Zeiten, in denen man das ungute Gefühl hat, dass sich da etwas staut, Unruhe, Ungeduld.

Wo und wie geht es weiter? 

So war es im Frühjahr 2003. In solchen Zeiten höre ich genau hin, wenn es Hinweise gibt und gehe jeden Weg, der sich irgendwie anbietet. Und wenn es sie nicht gibt, dann ist es das Beste, man geht irgendwie blind und ohne nachzudenken einem ungewissen Gespür nach, irgendwie. Ein Konzert soll stattfinden im alten Zollhaus in Frankfurt, elektronische Musik, keine Ahnung, aber elektronische Musik interessiert mich, also gehe ich hin. Abbruchhaus, Szenengeruch, ich mag das Trashige daran, das Unfestgelegte. In der Mitte des Raumes sitzen junge Leute an Laptops (auch Stefan Mathieu, wie ich später erfahre), Videowände, aber keine Videos, nichts als  farbige Leuchtkegel, man merkt die Absicht und ist enttäuscht. Mehr also nicht. Und das, was sich da als Musik präsentiert, hat solche Dezibelgewalt, dass ich nach einer gequälten halben Stunde flüchte: das muss ich mir nicht antun. Trotzdem – warum weiss ich auch nicht: am Eingang verkauft jemand die Doppel CD „heroin“, für die diese Releaseveranstaltung gedacht war, und ich kaufe ihm eine ab, einfach so auf Verdacht, Wegsuche. Jahre später wird klar: der, der mir diese CD damals verkauft hat, heisst Joerg Franzmann.Es ist die einzige CD, die er an dem Abend damals überhaupt verkauft. Zu Hause in meinem Frankfurter Studio angekommen, lege ich meine Neuerwerbung auf in den CD Spieler ein:

Was war das eigentlich? 

Gute Musik – also doch –  hatte man nur nicht hören können bei dem Lautstärkepegel. Da ich in den letzen Monaten davor, mich um Sprechaufnahmen zu meinem Text „Feuer“ bemüht habe, mache ich – wie sonambul – einfach mal so einen Versuch: ich spreche zu den Tracks der CD Textteile und Abschnitte von dem 7. Kapitel der „Stadt des Hieronymos“ in meine kleine Mikrophonanlage. Schon nach einer Stunde ist klar: es gibt 2o Teile im Text und 20 Tracks auf der CD, man kann das sehr gut zuordnen, das passt. Vorweggenommen: bei dieser Zuordnung von Text und Musik ist es bis heute geblieben, daran wurde nichts geändert.

Der nächste Schritt: ich gebe Peter Heusch den Text und bitte ihn, in mein „Studio“ zu kommen (ich nenne es so, es ist eigentlich keines) und Epitaph einzusprechen. Ich mute ihm eine nicht professionelle Anlage zu, aber er macht es trotzdem für einen Freundschaftspreis. Die technische und musikalische Kombination von Musik und Sprache danach aber ist schwierig. Meine Ausrüstung im Studio ist nicht ausreichend und mein know how erst recht nicht. Aber meine Freundin kennt da einen Tonmeister von der Deutschen Oper Frankfurt. Er ist bereit, die die Epitaph – tracks in seinem Kellerstudio in Aschaffenburg zu bearbeiten – nur ist das kompliziert: er hat kein Apple Programm, weshalb die Übertragung der Daten mühevoll ist. Ich verabschiede mich mit einem ungenügenden Ergebnis. Egal wie, wir werden es schon schaffen.

2004

Die Übersetzung ins Englische ist der nächste Schritt, denn gerade bei diesem Thema ist eine Veröffentlichung im Ausland angezeigt. Eine alte Freundin macht mich mit Gerald von Brandenstein bekannt, er sucht ein Betätigungsfeld im Bereich Übersetzung. Er ist als Südafrikaner native speaker mit perfekten Deutschkenntnissen, er will das machen. Tagelang kämpfen wir zusammen um die richtige Übersetzung. Keine Übersetzung ist leicht, aber es macht auch Spass.

Wer spricht aber den englischen Text jetzt ein? 

Ich bekomme die Adresse von Paul F. Cowlan. Er kritisiert Geralds Übersetzung und arbeitet noch einmal gründlich nach (was dem Text gut tut), und an zwei intensiven Nachmittagen, die wir wohl beide nicht vergessen, machen wir dann die Aufnahme in meinem Studio, immer noch mit einem Equipment, das letztlich nicht wirklich professionell ist.

Dass Stephan Mathieu wesentlich an der CD „heroin“ beteiligt ist, kann ich dem Impressum entnehmen. Ihn aber zu finden, ist nicht einfach, geradezu ein kriminalistischer Akt. Ich telefoniert mich durch alle Mathieus in der Gegend von Saarbrücken durch, da gibt es viele, und finde schliesslich seine Adresse heraus. Er als Komponist müsste am besten wissen, wie der Sound der Musik mit der Sprache zu arrangieren ist.Mails gehen hin und her. Ich schreibe ihm, dass ich jemanden suche, der für Epitaph die Videos macht, und vielleicht weiss ich da jemanden.

Vielleicht. Aber sicher bin ich mir nicht. Ich gehe, wenn es mir irgend möglich ist,  zu den Veranstaltungen der HFG Offenbach, dort werden gelegentlich vor allem vor Semesterende Videos gezeigt, und finde dort auch jemanden, der ganz begabte Videos macht. Er gibt mir eines für einen Versuch, doch dann macht er einen Rückzieher: er will mit dem Filmen aufhören und sich anderen Kunstsparten widmen.

Wo ist da jemand, der gute Videos macht? 

Ich fahre fort, um die HFG meine Kreise zu ziehen, und als eine befreundete Studentin dort eine Ausstellung macht und mir wütend erzählt, man hätte ihr den besten Raum weggenommen und einem älteren Studenten gegeben, beschliesse ich, die Ausstellung zu besuchen. Mal sehen, was der Grund für ihren Ärger ist. In dem bewussten Raum, der ihr jetzt nicht zur Verfügung steht, zeigt ihr Konkurrent jetzt Filme. Ich brauche keine fünf Minuten, um zu wissen: das sind sie, die Videos, genau das habe ich gesucht. Ich bin eigentlich nicht besonders mutig, gebe mir aber einen Ruck: es muss sein! und spreche den Mann, der an der Seite stehend die Vorführung macht, an:

„Also mein Projekt, also Epitaph, also Holocaust, also schon eingesprochen, also CD Heroin“.

Von dem Thema Holocaust ist er offensichtlich gar nicht entzückt, aber Joerg Franzmann, jetzt erfahre ich seinen Namen, will mir ein Band mit Videos schicken, wenn er wieder in Berlin ist, versprochen. Das Band kommt tatsächlich. In der Einsamkeit meiner Wohnung im Vogelsberg lege ich es ein. Nie vergessen: es ist drei Uhr nachts – alles schläft, es ist stiller als still – und ich sehe die Filme. Jetzt wiederholt sich etwas Erstaunliches: ich lege die Videos in meiner Vorstellung genauso wie damals die Musik auf den Text – und sie stimmen. Man muss nicht so sehr viel neu machen, man kann das Material zum größten Teil so verwenden. Ich will nicht verschweigen: ich weine, das kann eigentlich gar nicht sein –  und es sind Tränen, die gut tun. Ich verabrede mich mit Joerg, wir machen erste Proben, in denen wir die Videos zu der Musik und dem Text einspielen. Das ist technisch nicht leicht. Er hat einen Apple G4 und ich ein G5 Laptop, der zwar schneller ist und ein CD Laufwerk hat (die erste Laptop Serie Apple mit einem solchen Laufwerk) und immerhin 125 GB. Aber er bricht fortwährend ab. Zu viele Daten. Ich kaufe mit jetzt eine externe Festplatte mit sagenhaften 250 GB zusätzlich, mit der die Daten wenigstens zu sichern sind. Zwischendurch kann ich Stefan Mathieu vermelden, dass wir arbeiten und dass wir wirklich Videos machen werden. Er wird jetzt die Musik und den deutschen und dann den englischen Text arrangieren und mastern lassen. Gegen Ende des Jahres erhalte ich von ihm die fertigen Takes.

2005 

Durch das Studium und Examen von Joerg ziehen sich die Arbeiten an „epitaph“ hin, aber im Frühjahr des Jahres 2005 werden wir fertig und können am 8. Mai im Gallustheater die Uraufführung machen. Hier haben wir hier einen großen Saal, eine gute Anlage und, was das wichtigste ist, das Datum für dieses Thema, nämlich das der Vertreibung der Gefangenen aus dem KZ Adler Werke, in dem jetzt das Gallsutheater untergebracht ist, ist genau richtig: Wir sind zur richtigen Zeit mit dem richtigen Thema am richtigen Ort. Dennoch: das Publikum ist zum guten Teil befremdet.

„Text, Bild und Musik gleichzeitig? Ist das nicht zu viel?“ „Der Text ist gut – aber ich lese den Text, das reicht.“„Die elektronische Musik ist viel zu laut.“ „Ich mag keine elektronische Musik.“„Die flimmernden Bilder stören doch nur.“

Bei aller Kritik wird aber nach den Vorführungen, auch denen, die wir später im Studio in Frankfurt machen, stundenlang über den Text, die Bilder und das Projekt, diskutiert, kontrovers, aber engagiert.

Was wollen wir mehr? 

Von nun feilen wir noch an dem Projekt, machen Versuche mit den Überschriften, den Längen, versuchen den Film als Ganzen zu perfektionieren. Das Projekt ist fertig.

Und was nun?

Von den Filmfestspielen 2005 in Berlin, wo wir den Film unter der Rubrik der Neuentwicklungen einreichen, werden wir abgelehnt. Das Projekt bleibt sozusagen heimatlos: es passt nicht in die üblichen Kategorien, nicht einmal denen, die die Überschrift „Experimentelles“ tragen, denn es ist kein Spielfilm, aber auch kein Kunstobjekt für Galerien, es hat einen Zusammenhang in der Art der Konstruktion und Kombination, aber es die drei Ebenen: Musik, Text und Video bleiben dennoch selbstständig in diesem Zusammenhang.Wieder ist ein Weg versperrt, Suche.

Wo sind die Wegweiser? 

2008

Der Shakermedia Verlag ist bereit, „epitaph“ als DVD zu veröffentlichen. Ich erstelle mit Gerald zusammen ein deutsch-englischeS Textbuch. Es liegt wunderschön in der Kasette und wird bei Amazon angeboten: aber der Verkaufserfolg ist mässig, von der Presse werden wir ignoriert. Im Grunde genommen ist dies Form der Publikation schon überholt, das spüren wir, das zeigt uns der Markt.

2009

Ein neuer Laptop, ein neuer großer Mac Computer steht mir zur Verfügung, updates bei Apple. Ich mache erste Versuche mit dem eBook, vielleicht ist das die richtige Spur, um weiterzukommen, Versuche, die Bilder wenigstens als Tiffs den Texten zuzuordnen, zu retten damit, was retten ist, wenn schon die Filmaufführungen wohl nicht Serie gehen können.

2010

Die Presse wird auf uns aufmerksam. Ja, wir arbeiten in Berlin in unserem Studio an einem e-Book. Es erscheint ein Artikel von dem Chefredakteur Clauss in der Welt am Sonntag an Ostern, der unsere Arbeit beschreibt und lobt und noch einige andere Artikel in verschiedenen Zeitungen.Wir sind „Pioniere des eBooks“, und werden auf dem iPad, das gerade seinen Einzug in Deutschland hält veröffentlichen. Aber der Nachhall auf die Ankündigungen der Presse ist schwach, und die für uns notwendige finanzielle Unterstützung, um weiter zu machen bekommen wir nicht. Bei einer Ausschreibung zur Förderung des elektronischen Buches in Berlin werden wir abgelehnt.

Dann die Buchmesse 2010 in Frankfurt: vielleicht finde ich hier eine Förderung, kann es vorangehen. Ich reise mit meinem Laptop, auf dem ich eine Version Epitaph eBook eingespielt habe, zur Buchmesse. Aber die grosse Halle 4, in der sich ganz aktuell das E-Book präsentieren sollte, so die Ankündigung, ist leer, eine beängstigende Leere. Irgendetwas ist in der Luft, irgendetwas will man und weiss nicht was. Grosse Plakate und Ankündigungen:

Aber was eigentlich wird angekündigt?

2011

Ich kaufe das iPad 2 und spiele die Videos ein. Das geht, das sieht super aus.

Aber nur die Videos? Und wie will ich die veröffentlichen? 

Wir haben 22 GB Film, das geht niemals und außerdem:

Wer kauft das, wie kann der Vertrieb aussehen?

Vielleicht müssen wir eine eigene App für entire3 programmieren lassen. Ich nehme Kontakte zu einem Programmierer bei Apple in den USA auf. Er verspricht mir einiges für günstiges Geld, hat dann aber keine Zeit, und mir fehlt auch das Geld, das er ja verlangen kann.

2012

Der Durchbruch kommt an einem Wochenende im Februar, an dem ich die Biographie von Steve Jobs lese und begreife: das iPad ist mehr als ein Tablet Computer, mit dem man auch mailen kann. Es ist das richtige Werkzeug für eine Realisation der Kultur des digitalen Zeitalters. So kann man, so muss man Bücher präsentieren. Mir wird das Konzept und der Traum von Steve Jobs klar, und es ist auch mein Traum, so kann aus unseren Projekten das werden, was in ihnen von Anfang an gelegen hat.

Etwa zu gleichen Zeit kommt die neue Apple Authoring Software auf den Markt, aber erst Mitte des Jahres lerne ich das Authoring Programm kennen – dargestellt und erläutert von einer sehr guten Einführung von Anton Ochsenkühn — ich bin begeistert: das ist das Programm, das das ich gesucht habe. Eine App ist nicht mehr nötig.

Ich fange fieberhaft an zu arbeiten: es gibt dann im September ein update des Programmes, das sicherlich hilfreich ist, aber es ist trotzdem nicht leicht, die richtige Schrift, das richtige Layout für das Epitaph Projekt zu finden. Immer wieder Kontrollen am iPad, Änderungen. Ich versichere mich noch einmal bei touch music, ja wir haben die Rechte, aber nicht an der Musik für Swastika. Andreas Mügge hilft aus und macht einen neuen Musiktrack. Super, so können wir das jetzt fertig machen.

2013

Januar

Aber wie bringe ich von der Größe her die 21 Videos in einem Buch unter?

Es kommt Hilfe von Alice im Apple Zentrum, Silicon Valley: ja, bis 2 GB kann ich gehen. Warum nicht alle 21 Videos einscannen? Ich bin unruhig, schlaflos die Nacht hindurch, und starte dann morgens um fünf den Versuch. Keine Ahnung wie groß die Datei sein wird: Es sind 1,2 GB, große Erleichterung, also es geht. Ich lade vorne das Einführungsvideo ohne den Text ein und dann vor jedem Kapitel das dazugehörige Video – vor jedem Kapitel ein Tiff des Videos, daneben ist der Text, unter ihm die Erklärungen zum Text und die Google Links – hinten das Vorwort. Doch das iTunes Producer Programm weist mich zurück: das Cover Foto, das ich aus den vorhandenen Tiffs von Joerg nehmen wollte, hat nicht die erforderliche Pixel – Qualität. Joerg ist nicht verfügbar.

Woher ein Coverfoto nehmen? Auf den letzten Metern scheitert das Projekt jetzt doch noch ? 

Verzweifelt nehme ich meine Handykamera  und mache selber ein Foto – ein Stein auf einem weissen Tisch, wie die Steine, die die Juden auf ihre Gräber legen.

Die Pixel des Fotos sind groß genug und werden akzeptiert, das Programm läuft durch, es klappt.

Ich habe jetzt ein einziges Buch mit den 21 Videos für den Apple Store in deutsch und in englisch. Gegenprobe im iPad:

Das Multimedia – Buch „epitaph“ liegt vor mir, wie ich es seit zehn Jahren geträumt habe.

Auf dem glänzenden Display des iPads sieht es für mich wie ein Schiff aus, das wundervoll  durch das Meer fahren wird, durch das digitale Weltmeer.