Stadtwald

 

 

Stadtwald, Text Adelheid Seltmann, Musik Andreas Mügge, Sprecher Peter Heusch, Bilder Stadtarchiv Mörfelden, private Bilder historischer Kommentar Dirk Treber

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titel Stadtwald

 

Adelheid Seltmann hat den Widerstand gegen die Startbahn West hautnah miterlebt und ein Buch darüber geschrieben, aus dem sie in Mörfelden Auszüge vorträgt — Zwei Diaschauen*

„Wir hier, die Menge, setzt sich durch“, heißt es in dem Buch „Die Stadt des Hieronymos“ von Adelheid Seltmann. Es kam anders, die Startbahn West wurde gebaut, und auch der Kelsterbacher Wald ist für eine zusätzliche Landebahn gerodet worden. Im Kulturbahnhof veranstaltet die Bürgerinitiative Mörfelden-Walldorf nun eine Lesung, die von den Jahren des Protestes und dem langen Zorn der Ausbaugegner handelte.

Adelheid Seltmann wohnte von 1967 bis 2007 in Frankfurt und erlebte den Widerstand gegen den Flughafenausbau hautnah mit. Ihre Erlebnisse schildert sie in „Stadt des Hieronymos“.

In dem Kapitel „Stadtwald“ erzählt sie vom Optimismus der Demonstranten, der Gemeinschaft im Wald, friedlichem Protest und der Gewalt von Polizisten. Es ist ein authentischer Text. Viele der knapp 30 Anwesenden erkennen die beschriebenen Szenen sofort wieder. Dabei geht es gar nicht darum, wo die Geschichte spielt. „Ich habe in dem Text bewusst nicht Startbahn West gesagt. So ist es generalisiert und könnte überall spielen, wo sich Menschen gegen die Erweiterung eines Flughafens wehren. Ob das in Frankfurt oder Peking ist, ist nicht so wichtig“, erklärt Adelheid Seltmann nach der Lesung. Hundertschaften der Polizei, Wasserwerfer, Tränengas und Blendschockgranaten sind ebenso universell wie der Widerstand gegen Umweltzerstörung und zunehmenden Flugverkehr.

Die weltweite Klimaveränderung sieht Petra Schmidt von der Bürgerinitiative gegen den Flughafenausbau als einen wichtigen Anknüpfungspunkt. „Es geht darum, jetzt weiter zu machen, wie auch schon nach dem Bau der Startbahn West. Dabei dreht es sich nicht nur um den Ausbau vor unserer Haustür. Die Problematik des immer weiter ansteigenden Flugverkehrs ist nicht auf das Rhein-Main Gebiet beschränkt.“ Auch für Adelheid Seltmann ist es wichtig, von einem globalen Problem zu sprechen. Ihren Kampf führten die Bürgerinitiativen deshalb auch „stellvertretend für alle. Sie haben etwas für die ganze Welt gemacht.“

Eingeleitet wurde die Lesung mit Bildern von damals, Anfang der Achtziger, als der Widerstand auf seinem Höhepunkt war und die Startbahn West in ganze Deutschland ein Begriff. Während der Diaschau lief kämpferische Musik von „Ton Steine Scherben“ und die Anwesenden Startbahn-Veteranen dürften sich wie auf einer Zeitreise gefühlt haben. Einen Kontrast dazu bot die zweite Diashow am Ende der Veranstaltung: In ihr wird der Protest gegen den weiteren Flughafenausbau ab dem Jahr 2001 gezeigt. Familiendemos, kreative Kritik und Gerichtsverfahren. So wird deutlich, dass der Protest von damals dem heutigen kaum ähnelt.“

Pressemitteilung vom 21. April 2009

 

Aus: Frankfurter Neue Presse (online), Lokales Mörfelden-Walldorf , 17. April 2009 02:50 Uhr

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Adelheid Seltmann hat ihren Text „Stadt des Hieronymos“ zwar der Stadt Frankfurt gewidmet, aber zugleich in ihrer Widmung auch klar gemacht, dass es nicht nur um diese Stadt geht, sondern um eine der Städte im globalen Dorf.  Auch wenn es örtliche Unterschiede gibt, ist , davon geht sie damit aus, vieles allen Städten heute gemeinsam.

Ebenso ist der Protagonist Hieronymos, der den Namen des Kirchenvaters trägt (347-419 n.Chr.), nicht als Individuum mit ganz besonderen, ihm eigenen Eigenschaften gezeichnet, sondern lediglich als ein Mensch des 20. Jahrhunderts, der nach Perspektiven sucht, der kritisch nach einer Utopie Ausschau hält.

Wenn er im 4. Kapitel involviert ist in den Protest gegen den Ausbau der Startbahn West, so geschieht dies in Zusammenhang mit dieser Suche nach einer Utopie, die auch eine nach dem Sinn des Lebens überhaupt ist, denn erst der gemeinschaftliche Kampf, das Richtige und Wichtige durchzusetzen, kann solchen Sinn möglich machen.

Der Text ist weniger als alle anderen Texte der Autorin „erfunden“, er hält sich – ohne ins konkrete Detail zu gehen (das vermeidet die Autorin in allen ihren Texten grundsätzlich) trotzdem an den Verlauf und die Ereignisse des ersten ökologischen Kampfes einer Bürgerinitiative von diesem Ausmaß – später kam dann der gegen das Endlager Gorleben usw.

Fragen werden aufgeworfen:
Was ist staatliche Gewalt?
Was versprechen die Politiker, was halten sie, was halten sie nicht.
Wie werden die protestierenden Bürger von der Politik verschaukelt?
Welche Aufgaben nimmt die Polizei wahr, weshalb verweigern einige der Polizisten den Gehorsam?
Welche Gegengewalt ist verständlich, welche kann nicht mehr hingenommen werden?
Wo gleitet sie ab ins Kriminelle?

Auf die ersten Lesungen vor den damals Beteiligten z.B. im Kulturbahnhof Mörfelden reagierten die Zuhörer mit: „ genau so war es“.Dies, obwohl der Text auf eine genaue Lokalisierung und Details bewusst verzichtet.

Die Bürgerinitiativen in Frankfurt und Umgebung kämpfen weiter gegen den Fluglärm, gegen den Ausbau der Nordlandebahn, auch wenn sie den Ausbau der Starbahn West nicht verhindern konnten.

Sie sind weltweit nicht allein: die Problematik in Berlin, München und Wien, in Japan und anderswo ist nach wie vor die gleiche. Der Ausbau des Flugverkehrs und der air ports schädigt die nähere Umwelt und Lebensqualität und vor allem auch  das Weltklima.

Adelheid Seltmann zeigte im Kulturbahnhof Fotos aus den 1980er Jahren bis heute und benutzte auch das Archiv der Bürgerinitiative in Mörfelden. Dann las sie aus dem Kapitel «Stadtwald» ihres Buches vor.

Mörfelden-Walldorf. Uniformierte Polizisten stehen den Demonstranten am Startbahn-Zaun gegenüber, die Bilder sprechen für sich. Es sind keine Erklärungen nötig, denn die meisten Gäste erinnern sich beim Betrachten der Fotos noch gut daran. Mit kämpferischer Musik unterlegt ist der Film «Der lange Zorn» eine Aufforderung, Entscheidungen der Staatsgewalt nicht widerstandslos hinzunehmen.

Die etwa 30 Gäste im Mörfelder Kulturbahnhof (Kuba) sind bewegt, als sie die Bilder aus der Zeit des Baus der Startbahn-18 West sehen. Adelheid Seltmann brachte rund 300 Fotografien mit, sie nutzte Bilder aus dem Archiv der Bürgerinitiative (BI) gegen den Flughafenausbau sowie von Rudi Hechler von der Mörfelder BI. Besonders interessant waren zudem neuere Fotos aus den Jahren 2000 bis heute, die den Widerstand gegen den Bau der Nordwestlandebahn im Kelsterbacher Wald dokumentieren.

Keine Macht für niemand

Während des Films mit Fotos aus der Startbahn-Zeit ist Musik der Band «Ton, Steine und Scherben» zu hören. Parolen wie «Keine Macht für niemand» sowie kritische Lieder gegen die Herrschenden drücken die Haltung der Startbahn-Gegner aus. «Wir haben einen Feind, sein Name ist Mensch, er ist 10 000 Jahre alt. Er hat zwei Augen und will nichts sehen, er hat zwei Ohren und will nichts hören», heißt es in dem Lied. Seltmann las aus dem Kapitel «Stadtwald» ihres Buches «Aus der Stadt des Hieronymus» vor. Kirchenvater Hieronymus, der von 347 bis 419 lebte, stehe für Modernisierung. Das Kapitel in Seltmanns Buch beginnt mit einem Jungen, der nach einer Anti-Startbahn-Demo in der Rohrbachstraße in Frankfurt verletzt in die Schule kommt. Seltmann beschreibt danach, wie Tausende Polizisten den Wald umstellen. «Der Startbahn- Bau wurde rechtskräftig beschlossen. Wir brauchen sie, denn der Luftverkehr nimmt doch zu», meint ein Polizist. Die Vertreter der BI rufen empört: «Hier darf nicht gerodet werden, wir brauchen doch den Stadtwald.» Obwohl auch die Hauptfigur Hieronymus überzeugt ist, dass der Wald mit friedlichem Protest gerettet wird, schreitet dessen Zerstörung voran. Die Startbahn-Gegner im Hüttendorf schwören sich gegenseitig zu bleiben und auf Bäumen zu schlafen. «Wir werden Schilder aufstellen: ,Fast 100 Jahre ist dieser Baum geworden, er wird gefällt, als wäre Nichts gewesen’.» Doch trotz des jahrelangen Protests können die Startbahn-Gegner letztlich nichts ausrichten. Polizisten schieben den Startbahn-Zaun immer weiter vor. «Wir führen nur Befehle aus», rechtfertigen sich die Ordnungshüter. Am Ende beschreibt Seltmann die Radikalisierung der Anti-Startbahn-Bewegung. «Verhandlungen haben nichts gebracht. Ich glaube keinen Worten mehr», sagt ein Gegner. Die Lesung endet mit den Schüssen vom 2. November 1987, als an der Stadtbahn zwei Polizisten getötet wurden.

Seltmann, die früher in Frankfurt lebte und nun in Berlin wohnt, lobte das Engagement der BI, denn diese habe viel bewirkt. Sie hob hervor, dass es nicht allein um den Kampf gegen den Ausbau des Frankfurter Flughafens gehe. Vielmehr müsse die weltweite Erhöhung des Flugverkehrs aus Klimaschutzgründen gestoppt werden. Dies sieht Petra Schmidt von der BI Mörfelden-Walldorf ähnlich: «Unser Widerstand ist ein globales Thema. Obwohl der Wald in Kelsterbach gefällt ist, werden wir weitermachen.» dib

Aus: Frankfurter Neue Presse (online), Lokales Mörfelden-Walldorf , 17. April 2009 02:50 Uhr