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„Big Brother is watching you, just to give you happiness, sexual adventures, a good feeling and safety.“

Das Genre ist klar, diese Art Romane gab es früher als sog. Groschenromane, zum Beispiel „Lore Romane“, an der Kasse der Supermärkte.

Heute erscheinen sie als eBook, früher waren es die Romane auf schlechtem Papier, die die bildungsmäßig Unterprivilegierten in einfacher Sprache auf die Traumhöhen führte, die das harte, alltägliche Leben in der wenigen Freizeit etwas verschönten.

Entsprechend sind die Zutaten so, wie sie zu sein haben, allerdings in „Shades of Grey“ extraordinär krass gewählt:

der Mann ist nicht nur superreich, er kann alles, vom Klavierspielen bis zum Fliegenfischen und Helikopter fahren, er hat alles, nicht nur das riesige Unternehmen, Geld, nicht nur die größten Autos, sondern auch noch eine phantastische Bibliothek.
Er ist 27 Jahre jung und – wie fortwährend betont wird – wunderschön, treibt Sport und ist elegant gekleidet.

Heisst er eigentlich Max Levchin (Zeit, 2-2015), ist er einer der Herrscher im Reich der Algorithmen, wie Zuckerberg oder Steve Jobs?

Ein Prinz sozusagen, in jedem Fall mit dem Status eines Feudalherren inklusive Bediensteten und Bodygards, die er souverän kommandiert.
Damit, dass er als Sohn einer Crackhure aus dem verarmten Detroit stammt und von einer gutsituierten bürgerlichen Familie adoptiert wurde, erfüllt er zudem noch den amerikanischen Traum vom Selfmademan, von einem Aufstieg, den er – das Detail, das dann zur lüsternen Verruchtheit dieses Romanes führt – einer älteren Frau verdankt, die den Pubertierenden verführt hatte, in Sadomaso-Praktiken einweihte und Selbstbewusstsein und wohl auch Selbstbeherrschung vermittelte.

Dagegen: die Studentin mit dem alten VW, die Jungfrau ist, als sie diesem Supermann begegnet, und als Literaturstudentin ihre Vorstellung von Liebe und Sexualität aus Romanen des 19.Jahrhunderts bezieht, und die sich – welche Frau würde das nicht? – in diesen Traummann jeder Putzfrau, jeder Verkäuferin verliebt.
Das alles ist ziemlich einfach gestrickt, und ein solches Buch könnte ja in der Ecke verschwinden wie andere derartige Romane auch.

Wie erklärt sich der ungeheure Erfolg diese Buches?
Dass ein großer Teil ausgefüllt wird von sehr detaillierten Beschreibungen von nicht nur, aber auch Sadomaso-Sexszenen, dürfte der Grund nicht sein.
Das findet sich auch anderswo, obwohl das Buch schon in der Lage ist, einer durchschnittlich eher phantasielosen Sexualität aufzuhelfen und in Deutschland, besonders seitdem es außer den Büchern bei Goldmann den Film dazu gibt, die Beate Uhse Läden plötzlich Konjunktur haben.

Geschrieben ist es in eher simpler Sprache und in einer literarischen Form, die absolut im Genre bleibt, allerdings: die Autorin beherrscht in souveräner Weise das, was die Literaturwissenschaft den „inneren Monolog“ nennt (James Joyce, Ulisses).
Die Protagonistin, die sonst keine wesentlich persönlichen Merkmale hat und wie alle Figuren ohne authentisches Profil gezeichnet wird, spricht ständig in zwei Sprachen: der äußeren, in der sie schüchtern, wie es ihr als kleine Studentin zukommt, sich dem Supermann nähert, und der inneren, mit der sie sich ihm gegenüber ihre Ehre, ihr Selbstvertrauen und ihre Würde bewahrt und damit dem, was an Übermacht ihr entgegenkommt, entgegenstellt.

Das ist selbstverständlich allein literarisch darzustellen, macht aber auch literarisch das Niveau dieses Buches aus.
Der Kampf um diese Autonomie, durchgehalten auch in allen erotischen Szenen und Situationen – den von ihre geforderten Vertrag unterschreibt sie nie – ist der Spannungsmotor dieser sonst eher langatmigen Romantrilogie, die ja voll von Wiederholungen und Klischees ist, sprachlich und inhaltlich.
Dass die Protagonistin diesen Kampf führt und wie sie ihn führt, zeichnet sie aus, und tatsächlich vermittelt die Autorin vor allem über die inneren Monologe dem Leser glaubhaft, dass es sich wirklich um Liebe handelt.
Liebe macht es möglich, die Gegensätze zu überbrücken, aus Liebe gewinnt sie die Liebe und auch Treue ihres Superhelden, versteht sie, sich dem neurotisch traumatisierten Mann zu nähern, ihm Normalität in einer Beziehung herzustellen und zu sichern, während der Pychotherapeut ihn nicht von seinen Kindheitstraumata heilen konnte.
Und Liebe führt dann zu einem guten Ende der Buches: natürlich wie immer Happy End mit Kindern, großem Haus und unendlichem, familiären Glück.

Allerdings gewinnt sie diesen Kampf nur, weil sie sich dem geliebten „Kontrollfreak“ zum einen unterwirft und zum anderen auch entgegenstellt, die Haltung wenigstens nicht aufgibt, ihm gegenüber auch stark zu sein, was ihn außerordentlich reizt, seine Liebe zur ihr anstachelt.

Hier nun treffen wir den eigentlichen Nerv des Buches: der geliebte Milliardär hat über sie die Kontrolle in jedem Fall. Er braucht deshalb letztlich auch keinen Vertrag mit ihr.
Zu jeder Zeit weiss er, was sie tut, wo sie ist, immer spielt die Blackberry und der Mac eine zentrale Rolle – auch die eMails, die fortwährend eingeblendet werden.
Grey muss – selbst wenn sie noch so sehr versucht, selbstständig zu bleiben und sich autonom zu bewegen – nicht fürchten, dass sie ihm entkommt, nicht einmal in der kriminalistischen Engführung im dritten Buch: immer weiss er, wo sie ist, ist er in der Lage, sie zu orten, und allein dadurch ihr „Herr“.
Als Grund dafür, dass er sich dieser Mittel bedient, gibt er – das kennen wir alle nur zu gut – seine Sorge um ihre Sicherheit an.

Und damit sind wir in Zentrum dieses Romans: es geht um Herrschaft, Unterwerfung, Herrschaft 2015.

Nimmt man „Die Geschichte der O.“ von Pauline Reage (1954) dazu, dann zeichnet sich folgendes ab:

In diesem Bestseller, der von Francois Bondy als „literarische Kostbarkeit“ bezeichnet wird und der zweifellos hochkarätig das Sadomaso-Thema gestaltet, verliert O. immer mehr nicht nur ihre Ehre und Würde, sondern wird zuletzt zur gequälten Unperson, zum Käuzchen, das als Eigentum ihres Herren dekadent das unzüchtigen Partygeschehen dekoriert.
Die absolute Unterwerfung, zunächst in einer angeblich großen Liebe begründet, die sich durch das Opfer von Selbstständigkeit in einer sodomasochistischen Sexualität zu verstärken scheint, endet in der Aufgabe der Persönlichkeit, letztlich dann im Mord durch den Dom. Es geht um die Entgrenzung des Ich – befangen, aber auch gestützt von historisch entstandenen und befestigten Konventionen, das Ich im Old Europe.
Doch: dieser Roman entstand vor der digitalen Revolution im 20. Jahrhundert, in einer Zeit, in der Unterwerfung und Kontrolle einen ganz anderen Stellenwert hatte.

Wenn 2015, in seinem neuen Roman „Unterwerfung“ Houellebeqc dieses Thema aufgreift und sich auf die „Geschichte der O.“ bezieht, kommt er damit zu spät.
Nicht nur kann sich sein Buch mit dem von Reage literarisch besser nicht messen.
Indem er seine Sehnsucht nach der gefügigen Frau in einem von ihm extemporierten, liberal-muslimisch geprägten französischen Staat bestätigt und erfüllt sieht, wo bis zu vier Frauen den Mann bedienen, sexuell die Junge, geistig die Intellektuelle und in der Küche die Frauen dann, die praktisch sind und nach seinem Geschmack kochen können, entwirft er eine regressive Utopie, die wenig mit den heutigen Problemen des Islam und seinen Traditionen zu tun hat.
Eine solche Regression, einfach aus Frust, persönlich als Mann gescheitert zu sein, ist schlicht absurd, trifft auf letztlich unzeitgemäße Ängste von Konservativen, die das 20.Jahrhundert nun einmal nicht hinter sich lassen können, und wird nicht einmal der Pegida Problematik in Deutschland gerecht.

In „Shades of Grey“ dagegen, das ist die Botschaft, muss sich die sich unterwerfende Geliebte nicht demütigen lassen, nicht Entgrenzung des Ich ist das Thema, sondern Abgrenzung
der Persönlichkeit, deren Selbstständigkeit bedroht ist.
Sie darf – angeblich – das Heft in der Hand behalten, ihre Freiwilligkeit ist absolut gewährleistet, sie wird zu nichts gezwungen, sie ist beruflich erfolgreich tätig, hat ihre eigenen Termine, ist „emanzipiert“ und besteht darauf. Allerdings gehört der Verlag, in dem sie in leitender Funktion arbeitet, ihrem Geliebten, dafür hat er hinter ihrem Rücken gesorgt. Für das Kochen gibt es eine angestellte Köchin, das Personal nimmt ihr – der Frau des Chefs – alle Arbeit ab, sie kann sich der Teilnahme an einem feudalen Lebensstil erfreuen.
Dass sie auf ihre Würde pocht, auf ihrer Autonomität besteht, ist dem sie beherrschenden Mann durchaus recht, er bewundert sie sogar, weil sie das kann. Dass sie stark ist und bleibt, macht für ihn ihren Reiz aus, ist quasi die Voraussetzung für seine Liebe, die dieses Maß an Achtung verlangt.

Aber die Herrschaft bleibt bei ihm, er ist und bleibt in jedem Fall der Beherrschende. Der Herrschende braucht die Beherrschte, die Unterworfene, sie ist die Voraussetzung für seine Herrschaft, die ihm sicher ist, denn: er kann ihre Blackberry orten und hat sie damit total in der Hand und unter Kontrolle.
Es ist eine Scheinautonomie, mit der sich die Unterworfene glücklich fühlen darf, gibt dies ihr doch Reichtum und Sicherheit.
Sie behält, das Bewusstsein bleibt ihr, ihr Selbst – aber unterworfen ist sie trotzdem, auch wenn sie behütet vom überlegenen Herrscher gut leben kann.

Genau das propagiert der Roman, und damit besetzt er in eine ideologische Schnittstelle der digitalen Revolution im 21.Jahrhundert.
Die düstere Vision des George Orwell wird ad acta gelegt.

Big Brother is watching you, just to give you happiness, sexual adventures, a good feeling and safety.

Das heisst dann im Klartext: ja wir haben einen Neofeudalismus, ja wir haben trotzdem eine Demokratie, ein Wahltheater alle vier bis fünf Jahre, das der Werbeindustrie viel Geld einbringt, immerhin dürfen sich die Unterworfenen, Beherrschten in ihr in „Freiheit“ bewegen und agieren, sich gut fühlen, selbst entscheiden, auf ihre Sicherheit wird geachtet – nur daran, dass die Feudalherren der großen Konzerne, des Kapitals die Herrschaft inne haben, ändert das gar nichts, im Gegenteil.

Wir alle Unterworfene.
Und das ist gut so?