MASKEN 1(Billy Wilder 1960, Shirley MacLaine – Jack Lemmon)

Videobild Joerg Franzmann ( auch in „Spur des Krokodils“, Adelheid Seltmann & Joerg Franzmann)

Ich gebe meine eigene Wohnung, mit allem, was meine persönliche Umgebung, meine Privatheit ist, was zu mir gehört und niemand anderem, für Geld an Fremde weg: was mache ich da eigentlich, was passiert dabei mit mir? Hat meine Wohnung etwa nichts mit mir zu tun? Gibt es mich als Person in meiner Wohnung so wenig, dass es mir gleichgültig ist, wer zwei gerade bewohnt? Habe ich überhaupt ein Selbst, das für sich besteht, das den eigenen Raum braucht und ausfüllt?

Airbnb gab es 1960 noch nicht, aber ein fremder Blick auf diesen Film – ein Meisterwerk, das Bestand hat und haben  wird – lohnt sich, denn er eröffnet etwas Erstaunliches. Nur 55 Jahre entfernt – und es ist doch eine ganz andere Zeit und sowieso eine ganz andere Ästhetik des Filmes.

Was es nicht gibt: schnelle Schnitte, Filmsekunden und Minuten ausgefüllt mit Ein- und Aussteigen aus Autos bzw. Fahrten im Auto, Gewalt- und Sexszenen, Rätselstrukturen von im Grunde genommen wenig übersichtlichen Handlungssträngen.

Dafür eine ruhige, sehr genaue Bildführung. Details werden präzis ausgeführt, der Film nimmt den Zuschauer in ein Bildgeschehen hinein, ohne zu belehren oder mit einer aufgesetzten Kritik zu belästigen. Gerade deshalb belehrt er darüber, was es heisst Mensch zu sein.

Die Szenen sind in der Arbeitswelt und in der Nachbarschaft des kleinen Angstellten in New York geerdet, in der realen Umgebung des demütigen und gedemütigten Menschen, der doch hofft, von seiner 19. Etage aufzusteigen in die 27zigste, in dem Alltag der kleinen Aufseherin im Aufzug, die es zu mehr nicht bringen wird, weil sie keine Orthographie kann. Das Techtelmechtel mit dem verheirateten Mann aus der Chefetage wird, das weiss sie eigentlich und erfährt sie im Verlauf des Filmes immer mehr, ihre untergeordnete Position nicht verbessern.

Der Film, der so konkret und wenig spektakulär im Alltag der Benachteiligten bleibt, erhebt sich in dem Augenblick über die hoffnungslos depravierte Situation als Baxter (Jack Lemmon) sich weigert, sein Apartment für ein Stelldichein mit seinem Chef und Miss Kubelik (Shirley McLaine) frei zu geben.

Dieses „Nein“ gesprochen von dem gequälten Menschen, dieses: „Ich bin ein Mensch“ im Gesicht des Widersprechenden ist der Befreiungsschlag, der ihm den Weg zu seiner Liebe öffnet.

Nein, meine Wohnung gehört mir – selbst wenn ich sie jetzt aufgeben muss, weil ich mich behaupte, darauf bestehe, dass es meine Wohnung ist, und deshalb meinen Job verliere. Das Selbstbewusstsein des Ich generiert sich im Bewusstsein und im Bekenntnis zu seiner Liebe, es verteidigt seinen Stolz bis zum Letzten – diesen Stolz lässt es sich um kein Geld, um keiner Karriere willen abkaufen. Mein Apartment gehört mir – weil meine Liebe mir gehört: das ist die Botschaft.

Dieser Film ist mehr als eine großartige alte Hollywood Komödie: er gibt uns zu denken, die wir „nach einer neuen Humanität“ suchen, die wir uns fragen müssen, wie viel eine Privatheit uns wert ist und wie viel von uns selbst wir aufgeben, wenn wir auf unser Privates verzichten oder verzichten müssen.