IMG_0462Endlich gibt es Klarheit: wir sind die Guten, wir vertreten die Freiheit der Rede, die Freiheit der Satire, unsere abendländische Werte.
Diese Identifikation vereint alle, und der französische Präsident wird neben der deutschen Kanzlerin an dem Trauermarsch durch Paris teilnehmen.
Vor allem: Zu solch einer Solidarität braucht es so viel nicht, nicht den Mut, den Wagemut der französischen Karikaturisten, es gab genügend Warnungen und Drohungen, sie mussten sich der Gefahr bewusst sein.
Aber es tut gut, das Schild zu tragen: „Je suis Charlie“, weil man allemal in der Menge im Gegensatz zu den ermordeten Journalisten der kleinen satirischen Zeitung nichts riskiert.
Und: das Gute an Märtyrern ist, dass sie tot sind, sie hatten es ja auch darauf angelegt zu sterben und verursachen damit keine kostenträchtigen Prozesse mehr.

Bei Beate Zschärpe ist es leider ganz anders. Ihre rechten Kumpel fanden zwar den Tod – aber sie lebt, und der NSU Prozess dauert an und kostet und kostet, vor allem weil immer noch und immer mehr undurchsichtig ist, wer an den Morden und auf welche Weise beteiligt war.
Ein „je suis“ , eine Identifikation – mit wem denn? – ist in diesem Fall nicht möglich, kein klares Bekenntnis.
Wer von denen, die diese Mörder hätten verfolgen müssen, die Morde vielleicht sogar hätten verhindern können, mindestens behindern, hat insgeheim „braun“ gedacht und die Mörder gedeckt? Der Prozess dieser Morde an unseren islamischen Mitbürgern „mit Migrationshintergrund“ läuft noch – das sei bei allem berechtigten Protest gegen die Morde in Paris nicht vergessen!

In den Interviews der politischen Sendungen wird immer wieder die Frage gestellt, ist ein solcher Überfall der Dschihadisten in Deutschland auch möglich?
Ja, er ist möglich, die Situation in den Pariser Vororten ist nicht anders als die in Berlin, Frankfurt und anderen Städten.

Bei uns in Deutschland gibt es die Alis und Mohammeds genauso. 1990 waren sie zehn Jahre alt in der 5. Klasse der Gesamtschule, Kinder mit klaren Augen, ein bisschen frech, aber aufgeweckt, neugierig und bestimmt nicht dumm.
Eine Kita aber hatten sie nie besucht und nie richtig Deutsch gelernt – und türkisch oder arabisch konnten sie auch nicht wirklich.
Wenn sie in den Ferien zu ihrer Familie in ihre Herkunftsländer nach Al Houssima oder Tanger, nach Istanbul oder Bursa fuhren, fielen sie ungut als Deutsche auf mit einem schlimmen Akzent. Aber klar, Deutsche waren sie eigentlich auch nicht, sie hatten ihre eigene Sprache. Sie sagten nicht: „Treffen wir uns um zwei Uhr an der Konstabler Wache?“, sondern: „Gehn wir Konsti, Alter?“ – und damit war klar, welche Sorte Deutsche sie nicht waren.
Die Alis und Mohammeds mussten dann in der 5. Klasse englisch lernen, Pflichtfach, kaum eine Chance, da auf eine gute Note zu kommen. Sie konnten zwei Sprachen nicht und die dritte schon gar nicht – auch zu Hause gab es da keine Hilfe. Und dann kam noch der „muttersprachliche Unterricht“ dazu, also eine vierte Sprache, die deutschen Kindern nicht zugemutet wurde. Für die Marokkaner hiess das: arabisch lernen, zu Hause sprach man berberisch, was dem deutschen Schulamt nicht aufgegangen war: die berberische Sprache hat mit der arabischen, nichts zu tun, war gar nicht ihre Muttersprache.
Wenn dann noch ein anderes Fach auch nicht besser als mangelhaft war, es brauchte nur Biologie oder Geschichte zu sein, dann war ein Hauptschulabschluss mehr drin.
Die Lehrer konnten sich noch so viel Mühe geben, die Eltern konnten in der Regel wenig oder gar kein Deutsch, eine weitergehende Verständigung mit den Lehrern war unmöglich. Höchstens, dass einmal ein älterer Bruder zur Sprechstunde kam, der aber auch nicht weiter wusste. Alle Seiten waren total überfordert, ein paarmal Sitzenbleiben, Schulabgang mit 17 Jahren die Folge.
Und dann? Vielleicht noch ein Förderjahr, und dann?
Irgendein Hilfsjob – auch der war, wenn man Ali oder Mohammed hiess und keinen Schulabschluss hatte, nicht so leicht zu bekommen, allemal nicht in den ersten Jahren nach 2000.
Zwei Möglichkeiten also blieben: Kriminalität oder Drogenhandel.
Die es schafften, als Dealer einzusteigen, fuhren dann mit 18 Jahren im Mercedes vor und konnten sich gut amüsieren.
Wer es nicht schaffte oder schaffen wollte, hatte keine Perspektive.
Die Prediger in der Moschee aber, die wussten Bescheid.
Ein Strahlen kam in die Augen der Hoffnungslosen: endlich gab es etwas, was sie nicht als Looser abstempelte, etwas Großes, Heiliges, das fühlten sie, das konnten sie begreifen.
Dazu: hinter diesen Predigern stand eine große Organisation, Leute, die sich auskannten, viel wussten, stark waren oder zu sein schienen, Strategien hatten und Geld verteilten. Zum ersten Mal waren sie jetzt jemand und das in einem großen Zusammenhang.
Sie hatten keine Sprache richtig gelernt, was auch heisst, sie hatten deshalb sprachliches Denken nicht gelernt, unterscheiden, differenzieren, ein paar Klischees in ihrem Weltverständnis reichten aus, um sie in ihre reduzierte und reduzierende „gehn wir Konsti-Sprache“ einzuordnen – aber sie hatten begriffen: Allah ist groß, Allah akbar.

Und dann gibt es da bösen Karikaturisten, die machen ihren großen Allah schlecht. Das darf man nicht, ihren Allah schlecht machen, ihre einzige Hoffnung, ihren einzigen Lichtblick am Ende eine Tunnels, der sonst ohne Ausgang wäre.
Dafür: Rache, Rache an der Gesellschaft, in der sie keine Chance haben, Rache, das macht Sinn, und Verteidigung von dem, was ihnen noch bleibt: ihr Leben ist sowieso ohne Ausweg und verpfuscht. Aber hier und damit haben sie jetzt einen Grund zu kämpfen und sich mit der Knarre in der Hand in ihren Augen ehrenvoll, wenn es denn schon sein muss, vom Leben zu verabschieden, das sich sowieso nicht lohnt – im anderen Leben wird alles besser werden, bestimmt.

Dass jetzt die Opfer dieser verwirrten Kinder, die von der Gesellschaft, die ihre Eltern aus wirtschaftlichen Gründen ins Land geholt hatte, in Stich gelassen worden waren (kaum Jugendzentren, Spielplätze, Angebote, Förderungen rechtzeitig) intellektuelle Bürgerliche sind mit einem großartigen spielerischen, künstlerischen Anspruch, ironisch, differenziert: das kann man ohne irgendeine der gerne mit diesem Wort sonst verbundenen Übertreibungen „tragisch“ nennen – ja, das ist eine Tragödie.

Ich wünschte mir, sie würde aufhören – oder es gäbe sie nicht. Aber die Situation an deutschen Schulen hat sich seit 1999 nicht wesentlich geändert. Der heute 10 jährige Ali findet die gleich Situation vor – oder sie ist schlimmer geworden in den Jahren – zusätzlich geht sein kleiner Bruder sowieso nicht in die Kita und lernt dort deutsch – dank der CSU bekommen seine Eltern dafür Geld.

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