Avantgarde heisst: Hüte dich vor dem, was noch kommt.

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Denn da wird ein neues Denken von dir verlangt, du musst umziehen in eine andere Welt des Lesens, des Sehens, des Denkens, und das ist mühsam und meistens schmerzhaft.

Auch und gerade weil viele Kunstkritiker das Wort „avangardistisch“ als höchstes Lob in ihrem Repertoire und Wertekanon führen: wenn es ernst wird, sieht die Sache anders aus, greift man dann doch lieber zur Quote, folgt man dem Mainstream.

Und was will man denn von „Kultur“, von „Kunst“ – ein paar vergnügliche Momente der Ablenkung oder doch mehr? Wie weit geht die Fähigkeit sich anzustrengen über ein leichtfertiges Konsumieren hinaus?

Die digitale Revolution ist eine Revolution, die alle Bereiche, nicht zuletzt auch die kulturellen erfaßt.

Sie verlangt überall ein Umdenken von Update zu Update, und das besonders auch in künstlerischen Produktionen.

Sie verlangt zu begreifen, dass ein Text, ein Film, eine Musik nicht ein statisches Werk ist, sondern sich als veränderbar permanent neu generiert und entwickelt. Es ist alles im Fluss, und es gibt nichts, woran man sich festhalten kann – mindestens erst einmal nicht.

Natürlich wird der Zustand dann schon noch erreicht, wo ein Text, eine Musik, ein Film fertig ist und jede weitere Veränderung keine Verbesserung mehr sein kann.
Aber auch wenn man auf eine weitere Veränderung schließlich verzichtet: man könnte jederzeit alles noch neu entwickeln und verbessern, es wäre im elektronischen Medium nicht einmal besonders aufwendig.

Die Freiheit, Fehler machen zu dürfen und sich verbessern zu können – sie ist das großartige Privileg des Arbeitens auf dem Computer, sie macht diese Pages Seite zum Beispiel zu einem wunderbaren Experimentierfeld.
Ich kann speichern, löschen, verbessern, speichern – unendlich oft, so oft, wie ich will – der Zwang des Schreibens auf dem Papier, wie es ihn sehr eindruckvoll zum Beispiel für Hölderlin gab – und noch einmal überschreiben und ein weiteres Mal überschreiben und durchgestrichen – ist vorbei.

Das Problem allerdings ist, dass Freiheit nichts ist, was leicht fällt und leicht ist.

Geleitet von Zwängen lässt es sich einfacher leben, Begrenzungen sind auch Vorgaben, an die man sich halten kann, wenn man unsicher ist, die man braucht in den Feldern des Vagen, der unendlichen Möglichkeiten.
Diese Freiheit gibt es denn auch nur auf einer, wenn auch wichtigen Ebene, sie kann aber niemals bedeuten, dass es keine Maßstäbe gibt, dass die Formen zerrinnen, dass Traditionen nicht geachtet, begriffen und weitergeführt werden.

Das crossmedia iBook, wie wir es für das iPad in IOS entwickelt haben, ist eine ganz neue Form von Literaturpräsentation: ganz sicher – und zugleich eine sehr alte, denn das Miteinander von Musik, gesprochenem Text und Bild ist eine Urform der Dichtung, in den letzten Jahrhunderten besonders gepflegt in der Oper und den Formen, die sich aus ihr ableiten.

Vielleicht ist gerade das aber etwas, was dieses „Hüte dich vor dem Neuen“ besonders in Deutschland sich dieser neuen Form skeptisch entgegen stellen lässt.
Traditionen werden im crossmedia eBook ebenso bewahrt wie sie über Bord geworfen werden. Das ist verwirrend, das verlangt eine besondere Art der Orientierung.

Und verwirrt sind bisher die meisten: die Nerds und IT Spezialisten, weil ihre Kulturbegriff denn doch konservativ geprägt wurde und sie wenig Neigung zeigen, ihn mit den neuen Medien in Verbindung zu bringen.
Die anderen überfordert die Technik oder sie sind skeptisch gegenüber den Algorithmen.

Kunst hat auf der Höhe der Produktivität ihrer Zeit zu sein.
Die Position der Avantgarde ist deshalb ganz sicher die einzig richtige, tragende.

Dieses Bewußtsein der allgemeinen Vewirrung entgegen zu halten, verlangt Standhaftigkeit,
nacht es unabdingbar nicht abzukommen von dem Wissen, dass Richtiges eben richtig ist.