Tod

 „Der Tod ist ein Meister“

 

Videobild Joerg Franzmann

 

 

 

 

 

 

 

Es gibt Gedichte, die man auswendig weiss, weil sie einmal wichtig waren und es weiterhin geblieben sind.

Die Blätter fallen, fallen wie von weit, 

als welkten in den Himmeln ferne Gärten;

sie fallen mit verneinender Gebärde. 

Und in den Nächten fällt die schwere Erde

aus allen Sternen in die Einsamkeit. 

Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.

Und sieh dir andre an: es ist in allen. 

Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen

unendlich sanft in seinen Händen hält. 

Aber wir leben nun einmal 2014, und auch Lyrik kann nicht so tun, als wäre seit dem Gedicht von Rilke nicht ein Jahrhundert vergangen.

Das ist die eigentliche Kritik an dem Gedicht von Johannes Kühn, das die ZEIT am 30.10.2014 als „Herbstgedicht “ abdruckt.

Herbstwirbel drehn im Garten
tänzerisch,
Tanzmeister
ist der braune Wind,
der stösst auch mich an, ob ich nicht
in alterweise toben will
lustig über den leeren Beeten
mit klappernden Knochen,
den Tode ähnlich,
der verrückt geworden ist.

Warum ist dieses Gedicht schlecht?
Weil im Gegensatz zu dem Gedicht von Rilke, wo alles poetisch genau gesetzt wurde, berührend genau, nichts stimmt:

Herbstwirbel – also Windhosen – im Garten o.k. Doch der Wind ist nicht braun – und Wind ist kein Tanzmeister – der die Blätter das Tanzen lehrt, denn egal wie: sie sind eben keine Schüler, die das damit, einmal gelernt, von alleine können. Der Wind bewegt die Blätter – so einfach ist das, und Wind hat keine Farbe, so einfach ist das auch.
Dass das lyrische Ich den Wind spürt – im Garten, kann man nachvollziehen. Aber wieso tobt das “ Ich „?- wieso lustig? – wieso über leeren Beeten? –
Kinder toben draussen im Herbst, auf den Spielplätzen meist oder auch im Garten, manchmal auch im Wind, aber leere Beete im Herbst sind so matschig, dass man darauf nicht toben kann. Wer hat noch nie in einem Garten in ein „leeres Beet“ getreten?
„Klappernde Knochen“ – ja was denn? – „altersweise“ – neues Wort: entweder weise, weil alt, oder alterweise auf Art von Alten und weil Alte nunmal toben? Und die toben mit klappernden Knochen?
Die „altersweise“ sind – wenn sie denn außer alt auch weise sind, was eher selten ist, „toben “ nicht mehr, sie gehen vorsichtig am am Stock, und nicht die Knochen, sondern die Gehstöcke klappern – aber nicht im Garten, sondern auf den betonierten Gehwegen. Und der Tod ist nicht „verrückt“ geworden – nur weil es sich so poetisch anhört – Tod ist Tod – vorbei, eben tot, unverrückbar tot. Mit dem Tod, mit den klappernden Knochen, dem Herbst und seinem Wind wird poetisch herumgespielt. Das ist nicht erträglich, gerade bei diesem Thema Tod und gerade heute nicht.

Digital Art Poetry versteht will kein Spiel mit Metaphern und mühsamen Verschlüsselungen, die nicht nur poetisch sein wollen, um der (angeblichen) Poesie willen: es geht um ein ernstes Thema.

Der Tod ist ein Meister, wir leben, hurra, wir leben. Ausgiebig hier in Lebensgefahr.

Schneller, noch schneller. Wohin soll es gehen?

Weiter im Takt. Zusammengerafft.

Immer voran. Der Tod ist ein Meister. Im Hier, im Jetzt, heute im Angebot.

Wer weiß noch, wie lange. Wer zurücksteckt, verweigert,

der hält nicht mit, der hat das verpasst, bleibt außen vor.

Der Tod ist ein Meister. In Größe einsam, mutig hindurch.

Er wagt es, der Untergeher, den Tod eingerechnet.

Gehorsam, ich weiß, was der Tod mir befiehlt,

das weiße Skelett, klappernd im Marschschritt.

Mein Freund, mein Genosse, auf in den Tanz.

Wir drehen uns im Kreise, vor allen ein Auftritt

in schwarzen Kleidern bis ganz zuletzt: vor großen Spiegeln zerkleinerte Sätze.

der Tod ist ein Meister, der Tod ist ein Meister, der Tod ist ein Meister.

(Aus: „Stadt des Hieronymos“, Adelheid Seltmann, Aachen 2008,  crossmedia iBook iTunes/Apple))

AS