„crossmedialer urknall“

 

Das iPad wird auch die Art des Lesens von Büchern und Zeitschriften verändern

 

Michael G. Meyer

 

Wenn am 28. Mai auch in Deutschland das iPad seinen großen Startschuss hat, wird einmal mehr die Klage über all das geführt werden, was es nicht kann: Dass es keinen USB-Anschluss hat, dass das Schreiben über die Touch- Tastatur mühsam ist, und dass der Bildschirm innerhalb von 15 Minuten beschmiert ist mit Fingerabdrücken – das ist kein schöner Anblick.

Doch was das iPad beispielsweise sein kann, ist ein Buch mit deutlichem Mehrwert. Schon mit der Einführung des iPhones konnte man sich sogenannte enriched E-Books herunterladen – aber wer will das schon angesichts des kleinen Displays? Die multimedialen Möglichkeiten des größeren iPads kann man dagegen schon jetzt in einem kleinen Entwicklungslabor in Berlin-Neukölln betrachten. Die Schriftstellerin und Web-Entwicklerin Adelheid Seltmann entwickelt seit Monaten eine multimediale Version ihres Romans „Feuer“. Seltmann ist damit eine Art Pionierin der „cross-medialen Poesie“, wie sie es nennt. Die App ihres Romans für das iPad soll im Herbst erscheinen.

Videos und Techno

„Feuer“ ist eine Betrachtung der Bedeutung des Feuers und der Farben in den Weltreligionen und ist auch kein klassischer Roman. Das Thema mag sperrig sein – die visuelle Umsetzung ist faszinierend. „Wir haben dreieinhalb Stunden Videomaterial erstellt“, erzählt Seltmann. Auf der linken Seite des Bildschirms fließen Figuren ineinander, dazu erklingt ein Techno-Beat – an anderer Stelle ist das Videomaterial recht mystisch – man sieht einen dunklen Raum, in dem rote Lichter zu sehen sind. Man kann sich Passagen des Buches auch vorlesen lassen. „Der Fantasie sind beim iPad keine Grenzen gesetzt, man kann fast alles umsetzen“, sagt die Entwicklerin. Das Buch erscheint auch auf Türkisch, Englisch und Arabisch. Als Clou bietet die Multimedia-Version Links, die dann Erklärungen zum Haupttext liefern. „Das wird gerade für Sachbücher interessant sein“, glaubt Seltmann. In der Tat: Videos, Audios, Sekundärtexte – alles lässt sich gut in einen Sachbuchtext integrieren, auch manche Romane sind dafür geeignet.

Kein Wunder, dass die Verlagsbranche geradezu euphorisch auf das iPad reagiert. „Das iPad ist eine große Chance für das Buch“, sagt Alexander Skipis, Hauptgeschäftsführer beim Börsenverein des Deutschen Buchhandels. „Formate und Inhalte erweitern sich, spannende Varianten von Büchern entstehen und neue Lesergruppen werden erreicht. Damit hilft es dem E- Book-Markt aus seiner Nische“, so Skipis. Denkbar sind etwa Videos und Spiele zu den Harry-Potter-Büchern oder den Stephenie-Meyer-Bestsellern. Einen Vorgeschmack gibt das E-Book von „Alice im Wunderland“. Darin kann man die Figuren anklicken, sie über den Bildschirm purzeln lassen und vieles mehr. Kinder werden ihre Freude daran haben.

Ob das auch für die Verlage gilt, muss sich noch zeigen. Immerhin müssen sie 30 Prozent des Verkaufspreises an Apple abtreten. Man werde im Einzelfall entscheiden müssen, ob sich eine Entwicklung lohnt, sagt Alexander Skipis. „Andererseits könnte ein enriched E-Book deutlich länger verkauft werden als eine Printausgabe im Buchhandel. Die Kalkulation wirft derzeit viele weitere Fragen auf. Da sind neben den Abgaben an Apple auch der volle Mehrwertsteuersatz, der für E-Books zurzeit gilt.“ Die Buchbranche setzt sich bescheidene Ziele und rechnet mit fünf Prozent Marktanteil von digitalen Büchern in den nächsten zehn Jahren.

Attraktiv für junge Leser

Die Autorin und Entwicklerin Adelheid Seltmann sieht im iPad nicht weniger als eine Kulturrevolution, die gerade jüngere Leser wieder an Romane oder Sachbücher heranführen könnte. „Viele nehmen doch gar kein gedrucktes Buch mehr zur Hand.“ Multimedia-Anwendungen könnten das ändern. Seltmann kann sich sogar multimediale Präsentationen von Büchern in Clubs wie dem Berghain vorstellen: „Die beschränken sich bislang auf Musik und

Theater – aber warum nicht auch Texte dorthin bringen, wo die Jugend feiert?“

Mittelfristig wird sich durch Geräte wie das iPad und andere E-Reader wohl auch die Art des Schreibens verändern – weg vom reinen Text, hin zu audio- visuellen Präsentationsformen eines Buches. „Das wird die ganze Kunstform verändern“, sagt Seltmann. Alexander Skipis ist vorsichtiger: „Ob die Fantasie der Verlage deckungsgleich mit der Fantasie der Leser ist, wird sich zeigen.“

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