Stadt des Hieronymos

 

 

Mit „Die Stadt des Hieronymos“ entwirft Adelheid Seltmann eine Figur, die ihre Umgebung kritisch und sensibel wahrnimmt und nicht ablässt von dem Bemühen, einen Lebenssinn zu finden und zu verwirklichen.

Er plant den ökologischen Umbau seiner Stadt, engagiert sich in einer Bürgerinitiative gegen den Ausbau des Flughafens und gründet mit Freunden zusammen eine Partei, um die neuen Ziele durchzusetzen. Gegen alle Widerstände und Rückschläge hält er daran fest, dass seine utopischen Vorstellungen einmal Wirklichkeit werden könnten.

Der Text erscheint 2008 im Shaker Media Verlag. Eine e – Book Ausgabe liegt 2012 bei Kindle (amazon) vor.

Adelheid Seltmann hat ihren Text „Stadt des Hieronymos“ zwar der Stadt Frankfurt gewidmet, aber zugleich in ihrer Widmung auch klar gemacht, dass es nicht nur um diese Stadt geht, sondern um eine der Städte im globalen Dorf. Auch wenn es örtliche Unterschiede gibt, ist vieles allen Städten heute gemeinsam.

Ebenso wird der Protagonist Hieronymos, der den Namen des Kirchenvaters trägt (347- 419 n.Chr.), nicht als Individuum mit ganz besonderen, ihm eigenen Eigenschaften gezeichnet, sondern lediglich als ein Mensch des 20. Jahrhunderts, der nach Perspektiven, nach einer Utopie Ausschau hält. In sieben Kapiteln, die so etwas wie sieben Stationen bedeuten, handelt sie die Probleme und die Entwicklung ihres Protagonisten ab.

Es sind grosse Themen: die ökologischen Probleme der Stadt, die sozialen, die politischen des Widerstandes gegen die Erweiterung des Airports, der Gründung einer ökologischen Partei, die einer notwendigen Energiewende und nicht zuletzt vor allem die Verhandlung der Nachwirkungen des Naziregimes und der problematischen deutschen Geschichte im 20 Jahrhundert. Sie könnten wohl ein dickes Buch füllen. Aber Adelheid Seltmann arbeitet mit einer rhythmischen Prosa in einem reduzierten Versmass (Beat), das, auf Weitschweifigkeit verzichtend, die Dinge kurz und präzis in Sprache bringt. Brüche und Gegensätze werden nebeneinander gestellt, so dass gerade dadurch eine Differenzierung und Komplexität des Ausdrucks gelingen kann.

Vom Leser allerdings wird verlangt, dass er sich nicht bequem identifizierend in einer andere Welt hineinversetzt, um die seine zu vergessen, sondern sich mit dieser seiner Umgebung und Welt auseinanderzusetzen.

Das 1. Kapitel STADTWALD stellt sozusagen den status quo der Stadt dar: die Luft- und Lärmverschmutzung, die Probleme, die der Verkehr für die Kinder bedeutet, die kalte Anonymität. Fremdheit und Unbehagen in dieser Umgebung ist der Motor für die Vision einer anderen, einer grünen, einer ökonomischen Stadt, die menschlich ist und eine andere Lebensqualität bietet.

Das 2. Kapitel  HOCHHAUS ist  den Bewohnern der Hochhäuser gewidmet, dem Leben der Angestellten, und zeichnet den Versuch des Hieronymos ab, seine Vorstellungen von einer lebensfreundlicheren Umgebung dadurch umzusetzen, dass er einen Garten auf dem Hochhaus errichtet. Das wird ihm durch eine Verleumdung zunichte gemacht. Er verliert das Projekt und sein Geld, aber auch seinen Mut. Dass inzwischen das Commerzbank Hochhaus in Frankfurt als eines der höchsten Gebäude Europas Gärten in seinen Etagen hochzieht und pflegt – damals noch unvorstellbar – darf hinzugesetzt werden, und zeigt, wie realistisch dieser Entwurf einer Alternative in diesem Text damals schon war.

Im 3. Kapitel TUNNEL sinkt Hieronymos, veramt, frustriert und tief deprimiert ab ins Prekariat.
Er gesellt sich zu den Bettler, den Außenseitern und Ausländern. Der Text zeichnet die unterprivilegierte Schicht der Großstadt nach. Dies auch wieder in vielen Brüchen und kleinen Abschnitten, so dass hier in einer Art Puzzle die Situation der Armen und Notleidenden abgebildet wird.

Das 4. Kapitel STADTWALD widmet sich dem Bürgerprotest gegen die Startbahn West, dem sich Hieronymos anschliesst und gibt eine Art historisches Protokoll der Vorgänge um den erfolglosen Widerstand gegen ein Bauprojekt, dass wesentlichen ökologischen Schaden in dem die Stadt umgebenden Erholungswald anrichtet und die Lebensqualität von weiten Teilen der Stadt mindert.

Das 5. Kapitel  BÜRGERVERSAMMLUNG zeigt, historisch genau, auf, wie sich aus dem Bürgerprotest die grüne Partei entwickelt, die dann vorbildlich für viele Länder der Erde mit einer umweltpolitischem Programm sich politisch artikuliert, sich als wählbar einklinkt in die parlamentarischen Demokratie und da zu einer Wirksamkeit kommt, zu der der bloße Bürgerprotest nicht in der Lage war.

Das 6. Kapitel KRAFTWERK widmet sich dem Thema Energie, ihrer Wirkung und der Problematik und Gefahr der AKWs, wobei parallel die Liebesgeschichte zwischen Paula und Hieronymos erzählt wird, dies allerdings sehr knapp, fast unterkühlt. Das eigentlich Heiße ist hier die Konfrontation des Energiethemas mit dem der Liebe, die zu einem Miteinander im Kampf gegen die atomare Bedrohung führt.

Dieses Miteinander spielt allerdings im 7. Kapitel EPITAPH keine Rolle mehr, das ausschliesslich dem posttraumatischen Belastungssyndrom gewidmet ist, das nach 1945 auch bis heute noch in Deutschland seine Nachwirkungen hat. Die Verunsicherung, das Ausweichen in die Krankheit, Drogenkonsum, Untergangsphantasien, Unfähigkeit sich in einer Leistungsgesellschaft, die vergessen will, mit dem Altern und der Vergänglichkeit, den Tod konfrontiert sind hier Thema. Dem wird ein dreimaliges Beerdigungsritual entgegengesetzt.Ebenso wie der Protagonist gezeigt wird als jemand, die Heilung sucht und unvermindert weiter alles dafür tut, seine Utopie zu finden, von der er zuletzt glaubt, er finde sie als eine Quelle, die neue Spiele und einen Neuanfang überhaupt möglich macht.Auch hier wird wie in den anderen Kapiteln des Buches im von Brüchen gekennzeichneten Nebeneinander die Thematik aufgerollt. Die Problematik differenziert sich im Widersprüchlichen, hebt sich durch diese auf und wird dadurch zugleich angereichert.

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