Wozu ist autobiographisches Schreiben gut?

ZU: Nicole Zepter, „Bin ich wie meine Mutter?“  Die ZEIT Nr. 47, 2014

GESCHMACKOHNE ENDE

MASKEN 1

Videobild: Joerg Franzmann

Warum veröffentlich die Zeit diesen Artikel von Nicole Zepter mit privaten Fotos?

Warum gibt sie private Details von sich preis?

Was ist Privatsphäre – in Facebook hoch angesiedelt, angeblich – noch wert?

Welches Selbst entblösst sich in solchen Artikeln, und weshalb schont diese Selbst sich nicht – und andere gleichfalls?

Mit 17 schrieb ich Tagebuch,  wie viele andere in diesem Alter auch. Dass meine Mutter damals heimlich mein Tagebuch las und dann vor der übrigen Familie damit prahlte, dass sie mein Tagebuch heimlich gelesen hätte und jetzt alles über mich wüsste, nehme ich ihr heute noch übel..Ich hatte mich meinem Tagebuch anvertraut, Selbstgespräche auf weissem Papier, und kein Dritter sollte wissen, was ich geschrieben hatte.

Später schrieb ich Texte für ein Publikum, für andere, und wie in allen literarischen Texten war natürlich mein ganz Privates darin auch enthalten, aber verschlüsselt, verallgemeinert, in eine übergeordnete Form gebracht, überpersönlich, wenn auch nicht unpersönlich.

Das gilt für Literatur ganz allgemein. Sicherlich sind die Biographien von Dichtern und Schriftstellern interessant, aber nie so interessant wie ihre Texte selbst. Proust als Schwuler und seine Albertine als Albert zu entlarven, ist unerheblich für das Verständnis und auch den Genuss seiner Werke, und ein Germanistik Seminar mit Untersuchungen darüber, wie es mit den Frauen im Leben von Kakfa bestellt gewesen war und was man den Texten dazu entnehmen könne, war das Schlimmste, was mir in meinem Studium begegnete. Mit solchen Überlegungen weicht man der Stringenz eines großen Autors aus.

Heute ist autobiographisches Schreiben gang und gäbe, wird sogar in sogenannten Schreibschulen gelehrt und gelernt. Jeder Vip – der es war, ist oder werden möchte – schreibt seine Autobiographie oder lässt sie schreiben, und diese würden ja nicht gedruckt und verkauft werden, wenn es kein Interesse  dafür gäbe.

Das Interesse der Autoren ist klar: Verkauf, Aufmerksamkeit – und bitte dann eine Einladung zu Talkshows, wo dann noch einmal ganz genau nachgefragt wird, kein noch so peinliches, intimes Detail bleibt ausgelassen, alles der Öffentlichkeit dargeboten und verkauft: Twitter Accounts schwellen an usw.

Das Interesse der Leser und Zuschauer bei den Talkshows wäre zu umschreiben mit: „ Na ja, der war ja auch nur….“ . „ Ach deshalb! Wusste ich nicht…“ : das Interesse also, einen Autor zu erwischen, ihn über ganz Persönliches und persönlich Formuliertes in den Griff zu bekommen, sich seiner Person sozusagen zu bemächtigen. Der Blick in sein Schlafzimmer am liebsten, die Details einer anderen Familie, die auch nicht besser ist als die des Lesers, wie tröstlich, und so weiter. Identifikation im Positiven wie im Negativen.

Ich plädiere für Anstand, Zurückhaltung – und möchte von Leuten, die auf die Einhaltung ihrer Privatspäre keinen Wert legen, nichts lesen, nicht hören und nichts sehen.

Adelheid Seltmann