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Späte Anerkennung für einen genialen Sänger, Texter und Musiker. 2012 kommt die Dokumentation „Searching for Sugar Man“ heraus, die bei der Oscar Verleihung 2013 als bester Dokumentarfilm ausgezeichnet wird, am 9. Mai verleiht ihm die Universität of Detroit den Ehrendoktortitel „Doctor of human letters“.
Soweit erst einmal: alles Weitere an Fakten findet man bei Wikipedia – und auf You Tube sogar Aufnahmen von einem Konzert 2013, das der alte Mann gibt, sichtlich gezeichnet von einem Leben mit schwerster körperlicher Arbeit: noch einmal die alten Lieder, aber die Stimme ist eher brüchig, und der Versuch, da anzuknüpfen, wo er als 28 Jähriger aufgehört hatte, ist ehrenwert, aber natürlich nicht möglich.

Der dokumentarische Film ist interessant, gut gefüllt mit Musik von Rodriguez, die auch auf den beiden heute verfügbaren Alben „Coming from Reality“ und „Cold Fact“ zu hören sind.
Sie ist als Kriminalgeschichte aufgebaut, gesucht wird nach einem Unbekannten, der sich angeblich nach einem erfolglosen Konzert auf offener Bühne erschossen hatte. Doch das ist gelogen, eine Fama im Interesse des Musikbetriebs. Es lebt, er wird gefunden, arm, alt, in seinem kleinen Haus in Detroit.
Ja manchmal spiele er noch Gitarre. Das Interview, das gefilmt wird, ist herzbewegend.
Dass seine Platten ein Megaerfolg in Australien und Südafrika waren, wusste er 2006, als er von den Journalisten und Filmemachern aufgespürt wurde, nicht und schon gar nicht, dass das Label Sussex Records, das ihm aufgrund seines Mißerfolgs in den USA gekündigt hatte, viel Geld mit seinen Alben eingeheimst hatte, Geld, das er niemals vom Label erhielt.

Cold fact

In wessen Interesse die Story von dem Selbstmord auf offener Bühne verbreitet wurde, wird im Film nicht deutlich gesagt, lässt sich aber leicht zusammen reimen: die Plattenfirma hatte die Rechte, den Vertrag aber gekündigt, konnte jetzt plötzlich eine Menge Geld verdienen und informierte Rodriguez einfach nicht, um dieses Geld selbst zu behalten, kein Problem – er wusste ja nichts davon. Um dies abzusichern, hatte Sussex Music, den Namen Sixto Rodriguez auf „Jesus Rodriguez“ bz. „Sixth Prince“ geändert. Das Interview, das Clearance Avan in der Dokumentation den Journalisten gibt, ist schlicht widerlich und kriminell: auf Geld käme es doch gar nicht an! Aber wo kein Kläger ist, ist auch kein Richter. Sussex Records kann wohl davon ausgehen, dass die Sache jetzt verjährt ist.

Sixto Rodriguez dagegen verbrachte die ganzen Jahre, in denen die Plattenfirma mit seiner Musik viel Geld verdiente, mit harter körperlicher Arbeit – bei Entrümpelungs- und Dachdeckerarbeiten vor allem – um seine Familie durchzubringen, dabei aber hat er sich, wie seine Töchter aussagen, nie sich selber aufgegeben, viel gelesen, seine Kinder sorgfältig erzogen und sich politisch in Detroit engagiert.

Clearence Avan

Avan
Leider fährt der dokumentarische Film ziemlich auf der gut bekannten Schiene: verkanntes Genie, schlechtes Gewissen und ja – so geht es den großen Künstlern. Wichtiger wäre, den wirklichen Gründen für sein Schicksal nachzugehen und die Schuldigen zu benennen, umso mehr als Rodriguzes sich eben nicht auf offener Bühne umgebracht hat.

Einmal ist da die Tatsache, dass sein Label damals sich keine sonderliche Mühe darauf verwendete, die Lieder so zu veröffentlichen, wie sie es verdient hätten: man hat – was auch den beiden Alben leider bis heute noch anhaftet – ein fürchtlich kitschiges Arrangement mit süsslichen Geigen, stilistischen Verballhornungen beigefügt, das die kraftvollen Gitarrensounds von Rodriguez überzieht und – so möchte ich es einmal schon mit einiger Wut sagen – verunglimpft.
Unbedingt müsste man diese Lieder noch einmal bearbeiten und von diesen Arrangements befreien. Das späte Konzert übrigens auf You Tube enthält solchen Kitsch nicht mehr, auf offener Bühne wird damit die musikalischen Wertigkeit der Songs deutlich.

Rodriguez war eben nur ein Latino aus dem damals verarmten Detroit, kein weisser jüdischstämmiger Amerikaner wie Bob Dylan, der sich gegenüber dem Label durchsetzen konnte und den Verantwortlichen zu diktieren in der Lage war, was er wollte und was nicht.
Dazu war Rodriguez wohl auch vom Charakter her einfach zu gradlinig für übliche Ränkespielchen, seine Texte enthalten klare Absagen an das Establishment. Nein, so nicht, nicht mit mir!

Zweifellos hat Rodriguez bei Dylan gelernt, der Song „Crucify your Mind“ weist in Richtung Bob Dylan.
Dennoch sind diese Texte von einer poetischen Klarheit und Wucht, wie man sie Bob Dylan selten findet, ebenso wie die Gitarre, die er spielt, einen unverkennbaren Groove hat und die Songs durch ihre Einfachheit und ihren poetische Sprache überzeugen.
Dass das Südafrikanische Publikum, das er bei 13 ausverkaufen Konzert nach seiner Entdeckung vorfindet, seine Lieder begeistert mitsingen kann, vor allem „I Wonder“, zeigt, dass sie mehr als viele Songs seiner Zeit das Zeug zum Hit haben.

Für den, der berührt, bestürzt und nachdenklich diese Lieder heute, 2015, hört und der Dokumentation folgt, bleibt:

Ja, es ist sehr schwer, Gutes gegen den Kulturbetrieb durchzusetzen, wenn man sich weigert, sich deswegen zu verbiegen, wenn man als Künstler radikal und ein ehrlicher Mensch bleiben will, der nicht nur Kritisches schreibt und singt, sondern sich auch im Leben so verhält und eine Opposition zum Establishment nicht aufgibt.

Das, was der Kunstbetrieb herausbringt, dem Publikumsgeschmack genehm, Mainstream, auf Quote gezüchtet, ist häufig sehr schnell vergessen, während solche Lieder überleben, auch wenn es nur ein sehr schmales Werk ist, das fataler Weise aus Verzweiflung und Frustration früh beendet und aufgegeben wurde.

Aber einige, vor allem sein Label damals, müssen sich für alle Zeiten schämen, was sie einem genialen Künstler angetan haben.

Establishment Blues Songtext

The mayor hides the crime rate
Council woman hesitates
Public gets irate, but forgets the vote date
Weatherman complaining, predicted sun, it’s raining
Everyone’s protesting, boyfriend keeps suggesting
You’re not like all of the rest.

Garbage ain’t collected, women ain’t protected
Politicians using people, they’re abusing
The mafia’s getting bigger, like pollution in the river
And you tell me that this is where it’s at.

I woke up this moming with an ache in my head
I splashed on my clothes as I spilled out of bed
I opened the window to listen to the news
But all I heard was the Establishment’s Blues.

Gun sales are soaring, housewives find life boring
Divorce the only answer, smoking causes cancer
This system’s gonna fall soon, to an angry young tune
And that’s a concrete cold fact.

The pope digs population, freedom from taxation
Teeny Bops are up tight, drinking at a stoplight
Miniskirt is flirting, I can’t stop so I’m hurting
Spinster sells her hopeless chest.

Adultery plays the kitchen, bigot cops non-fiction
The little man gets shafted, sons and monies drafted
Living by a time piece, new war in the far east.
Can you pass the Rorschach test?

It’s a hassle, it’s an educated guess.
Well, frankly I couldn’t care less.