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Udo Jürgens revisited west-östlich (Blog)

Udo Jürgens revisited

Udo Jürgens

Udo Jürgens ist tot.
Das volle Programm Udo Jürgens im auch von mir pflichtbezahlten öffentlichen Fernsehen.

Ich müsste doch auch noch eine alte Platte von ihm in meinem Regal haben? Richtig, ich finde sie gleich unter „deutsch“ und „U Musik“, die Musik, die ich nicht so ernst nehme, eigentlich. Kitsch, Schlager und sonst noch was: „Lieder, die auf Reisen gehen“ von 1978, vor 37 Jahren, ist das lange her!

Ich höre noch einmal genau hin:

die Texte sind gut, schnörkellos und authentisch, sie stimmen, Satz für Satz.Sie reden von dem, was jeden betrifft, der zwischen 40 und 50 ist, seine erste Jugend hinter sich hat, eine Familie, Frau und Kinder, Termine, eine Tochter, die in der Schule sitzen bleibt, ein Donnerstag, an dem die Frau alleine zu Hause ist, und dann wieder eine neue Liebe, die geht.So sieht das Eheleben aus, solche Fehler macht man gegenüber seinem Kind, das Leben ist nicht vollkommen – aber es ist eben auch irgendwie schön, mit Emotionen und Enttäuschungen, gelebt und gefühlt. „Mitten im Leben“ heisst Udo Jürgens letzte Platte, hiess seine Abschiedsshow, das trifft den Tenor dieser Texte. Dass Udo Jürgens sich nach jeder Show im Bademantel in die Privatheit verabschiedet, ist verständlich: sich so direkt mit dem Publikum zu verbinden, hat seinen Preis. Er gibt ihm alles, er wird geliebt – aber natürlich bleibt diese Liebe immer auch abstrakt – der geliebte Entertainer ist auch ein „Mr. Einsamkeit“.

Udo Jürgens, ein grosser Poet?
Ein Dichter, den man an die Seite von Heine und Goethe stellen könnte?
Warum nicht?
Die aktuelle deutsche Lyrik mit ihrer durchschnittlich verquasten Metaphorik, hinter deren Sinn man auch nach 100 mal Nachdenken nicht kommt – falls man die geringste Lust verspürt, darüber noch nachzudenken: brauche ich nicht. Da ist mir jeder Song von Jürgens lieber.

Dennoch reicht es mir im Gegensatz zu Andreas Kresse (23.12.2014, SZ „Ein Deutsches Gefühl“) nicht, Jürgens unter „wir haben in Deutschland auch eine Popmusik“ zu subsumieren, so einfach lässt sich das nicht machen.
Halten die Texte von Udo Jürgens, hält seine Musik den Vergleich mit literarischer Lyrik oder auch der internationalen Popmusik aus?
Ich denke nicht.

Es ist die Glätte vor allem auch der Reime, die selbst dann falsch ausbügelt, wenn Probleme durchaus angesprochen werden, die etwas Idyllisches verheisst, zusammenfügt, was so sich nicht wirklich zusammengefügt, die damit die harte Wirklichkeit aufschönt.
Und dann natürlich die mit Geigen versüsste Musik, auf die Jürgens eigentlich verzichten könnte – er spielt wirklich hervorragend gut Klavier – die ihm aber wohl die Manager nahe gelegt haben.
Das Publikum liebt diese berauschende Klang – Überhöhung, es will geniessen, auch: es will die Probleme angesprochen wissen, sich dieser Probleme vergewissern, das schon, aber sich nicht den eigentlichen Wahrheiten stellen.

Was den Texten denn doch fehlt, ist eine Widerständigkeit, die Härte einer Doppelbödigkeit, die eben nicht die Sicherheit des Einverständigen vermittelt, die zum unruhigen Nachdenken bewegt, die das Sitzen in Sesseln ungemütlich werden lässt, aber auch eine Distanz der Künstler zu ihrem Publikum zur Voraussetzung hat und notwenig macht.

Diese Doppelbödigkeit haben die Texte der Beatles aber, („Norwegian Wood“), die Songs von Joe Cocker („I come in peace“), die Texte von Eminem und Andersson – und natürlich die Lyrik von Heine, Brecht, Celan und anderen auch dann, wenn auf Reime nicht verzichtet wird.

Ja – und da wohl ist wirklich ernsthafte, ernst zu nehmende Lyrik anders, muss sie anders sein.
Da ist auch Popmusik mit ihren progressiven Texten und Formen, nicht nur musikalisch, eine andere Liga.

Nun gut: das schmälert das Genre der Lieder von Udo Jürgens nicht, der dafür dicht am Publikum bleibt, aber auch: es setzt Margen, die es eben zu setzen gilt.

Ich stelle meine Platte wieder sorgfältig in mein Regal unter U-Musik – deutsch.

Etwas höher stehen die Platten von Joe Cocker, der heute gestorben ist, wie die Nachrichten berichten.

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west-östlich (Blog) Zwischen Ost und West

Zwischen Ost und West

Feuerländer

Über Traditionen der Poesie von Nesimi (14. Jhd.) über Goethe bis heute

 

 

Dank der Übersetzung von Michael Reinhard Hess liegen uns jetzt die großartigenVerse von Nesimi in deutscher Sprache vor. Sie sind mehr als 600 Jahre alt und sprechen doch zu uns, als gäbe es diesen Zeit- und Kulturunterschied gar nicht.

(Videobild Joerg Franzmann)

 

 

NESIMI

Nutzen

Was kann der Seele ohne Liebe einer Herzensbotschaft nützen?

Was kann das Licht dem Augen, das nicht sieht, was seiner Sehkraft nützen?

Wem Ewigkeit nicht einen echten Teil an Einsicht schenkte,

was können dem die Verse, Deutung, Gottesworte, Botschaft nützen?

 

Den Wert einer Juwele kann nur ein Juwelier mit viel Erfahrung kennen, 

wenn man Juwelen Kurzsichtigen vorlegt, was denn soll das nützen?

Geschmack und den Genuss des Zucker können nur die Papageien schätzen,

was sollen Rosen denn der Krähen- und der Rabenmannschaft nützen?

 

Sei lieber klug und nimm bei Kummer nicht Juwelen von Nesimi,

sie werden nichts, um Liebenden Bedeckung beizuschaffen, nützen.  

 

Der Motte gleich verließ ich Deines Angesichtes Licht, bin fern

und brenne doch, du Licht und Feuer nachts, tagaus, tagein; wo find ich Dich?

(Sprachliche Überarbeitung Adelheid Seltmann)

 

Goethe hat diese Traditionen der Bilder und Topoi der östlichen Poesie in „Selige Sehnsucht“ übernommen: es ist bei ihm wie bei Nesimi die Einsicht, das nur Wenige verstehen und sehen, dass die meisten kurzsichtig sind, die ‚„Rabenmannschaft“ verhöhnt, was sie nicht schätzen und verstehen kann: dass das Lebendige sich aber, wie die Motte das Licht umkreisend, „nach Flammentod sehnet.“

 

JOHANN WOLFGANG V. GOETHE

 

Selige Sehnsucht

Sag es niemand, nur den Weisen,

Weil die Menge gleich verhöhnet:

Das Lebendgie will ich preisen,

Das nach Flammentod sich sehnet.

 

In der Liebesnächte Kühlung,

Die dich zeugte, wo du zeugtest,

Überfällt dich fremde Fühlung,

Wenn die stille Kerze leuchtet.

 

Nicht mehr bleibest du umfangen

In der Finsternis Beschattung,

Und dich reisset neu Verlangen

Auf zu höherer Begattung.

 

Keine Ferne macht dich schwierig,

Kommst geflogen und gebannt,

Und zuletzt, des Lichts begierig,

Bist du Schmetterling verbrannt.

 

Und so lang du das nicht hast,

Dieses: Stirb und Werde!

Bist du nur ein trüber Gast

Auf der dunklen Erde. 

 

Diese Verse aus dem Westöstlichen Diwan haben mich, seitdem ich ihnen begegnete, nie verlassen, ihre Wahrheit ist nicht zu leugnen und nicht zu zerstören. Aus meiner Liebe und in Verehrung für die großartigen Vorbilder wurde dann:

 

In „Westöstlich Feuer“     (Adelheid Seltmann)

 

Feuerländer

 

Meine Liebe ist gespannt, 

dass sie Glasränder 

zu scharfem Klingen brächte.

Jede Berührung würde ganz leicht 

ihre feine Glätte zerstören.

Sage nichts. 

Sag es niemand.

Lass mich empfindlich sein, wie ich bin.

Etwas könnte zerspringen sonst, 

vorzeitig, für immer.

 

Sage nichts. 

Sag es niemand, 

dass es Feuerländer gibt, 

blaurote Brände unter Wüstenböden, 

Böden, die Böden von Böden sind, 

die einbrechen ließen

in glühendes Brodeln.

Nirgends ein Festes,

kein sicherer Halt.

 

Zweideutigkeiten haben uns 

in die Länder der blauroten Glut, 

zu den Eisfeuern hin in die Wüste getrieben, 

glühend gefroren.

Gebrannte Kinder, wir, 

heimatlos

mit Brandmarken 

scharf in die Haut geschnitten.

 

Sag es niemand oder nur leise, 

dass die Zeichen ausgenüchtert sind. 

Gefüllte Leere, 

berechnete Schnörkel, 

bunt schillernde Tränen, 

übermütig und leicht, 

Witze gemagert durch Fasten, 

Zirkus der Küsse.

 

Sag es niemand, 

dass wir, Brennende, 

in Feuerländern wohnen, 

dass das blaue Rot, 

nicht blau, nicht rot, uns Lachen macht,

dass wir das Lachen 

im doppelten Spiegel sehen.

Das Spiegellachen spiegelt sich selbst 

noch einmal und wieder zurück,

Scheinwerte, Wertspiele.

 

In den Ländern unserer blauroten Glut 

bleibt nichts von Wert.

Aus den Spielwiesen 

fallen die Spiegel verglühend.

oUnser Liebesspiel allein ist ohne Zweifel, 

deines neben meinem, gleicher Klang.

Doppelt bleiben unsere Körper wirklich.

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Feuer zwischen Ost und West west-östlich (Blog)

Feuer zwischen Ost und West

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Als ,Westler‘ und ,Ungläubiger‘ das angelesene Wissen über den Orient als Spiegel für eine westliche Dichtung zu benutzen, die wiederum selbst eine – teils bewusste, teils eher empathische – Reflexion orientalischer Elemente darstellt, erscheint als eine Art praktischer Interkulturalismus, dessen Ergebnis eine Mini-Bilanz der Gemeinsamkeiten und Unterschiede, der Verbindungs- und Anknüpfungspunkte, aber auch der Diskontinuitäten sein könnte, von denen unser Zeitalter geprägt ist. 

Die dem deutschen Leser von „FEUER“ beigegebenen Anmerkungen dienen somit nicht dazu, die dem orientalistisch nicht Vorgebildeten vielleicht verborgenen Bezüge dieser Texte zu „offenbaren“ oder gar ihre Sinn zu „erklären“, was mit ziemlicher Sicherheit auf die Dekonstruktion dieser Texte hinausliefe.

Vielmehr geht darum, zu einer neuen Art der Lektüre orientalisch-okzidentalischer Übergangsphänomene anzuleiten, die auf den marktwirksamen Zauber des Exotischen ebenso verzichtet wie auf den panischen Duktus der politischen und militärischen Bedrohungsszenarien, und die dort ansetzt, wo Goethe vor fast zwei Jahrhunderten aufhörte. 

(Aus dem Vorwort zum eBook von PD Dr. Michael Reinhard Hess)

 

Feuerträger,

deine Fackel wurde angezündet

an den Ölfeuern des Wüstenlandes

und weitergetragen,

sie wurde angezündet

von den Versen der Tänzer

und weiter getragen,

sie wurde vom Hauch der Flöte angezündet

und weitergetragen.

Seit ich dich sah,

den Anzündenden mit der Fackel,

sieht mein Auge mit deinen Augen.

Meine Zeit ist in deiner Zeit.

Ich habe gelernt,

deine Sprache zu sprechen.

…….

Glühende sind wir alle, die wir doch nicht verstehen.

(Zitat: Hölderlin) 

 

 

Ey ateşi taşıyan

meşalen

Kırlar ülkesinin petrol ateşlerinde tutuşturuldu

ve oradan ötelere taşındı

dansçıların mısralarıyla tutuşturuldu 

ve daha ileri taşındı

ney’in nefesiyle tutuşturuldu

ve daha öteye taşındı

Seni göreli

tutuşturanı, meşalenle,

benim gözüm senin gözlerinle görüyor.

Benim zamanım senin zamanındadır

Senin dilinle

konuşmayı öğrendim.


Adelheid Seltmann, 
Westöstlich Feuer Teil 1 und 2 —- West Eastern Fire Part 1 and 2 

(Die Veröffentlichung der türkischen Übersetzung von Michael Reinhard Hess ist in Vorbereitung)

7,99 € crossmedia eBook mit Videos Auf dem iPad und Mac verfügbar. 

Kategorie: Dichtung Erschienen: 01.10.2014 Verlag: entire3 Berlin Druckseiten: 174 Seiten, Sprachen : deutsch, english, türkiye

 

Videobilder, Joerg Franzmann

 

Feuerglanzfeuer

 

 

 

 

 

 

 

Ohne Titel

Bann des feuers


 

 

 

 

 

 

 

Der Textzyklus „Feuer“ zeichnet den Verlauf einer Liebesgeschichte, in der über die konkrete Metapher „Feuer“ individuelle Gefühle sich objektiviert und zugleich intensiviert darstellen. 

Damit wird an die Traditionen des Sufismus sowohl wie an die literarische des „westöstlichen Diwan“ von Goethe und später Rückert anknüpfend ein Prozess kultureller Auseinandersetzung und Bereicherung fortgeführt, der im 21. Jahrhundert durch die aktuellen politischen Konstellationen von besonderer Brisanz ist.

Die Bücher werden ergänzt durch Videos bzw. Tiffs von Joerg Franzmann und einer Einleitung des Turkologen Michael R.Hess, der auch erklärende wissenschaftlich instrumentierte Kommentare zu den einzelnen Texten hinzugefügt hat, die die Texte in einen erweiterten Kontext stellen und einen historischen Verstehenshorizont eröffnen.

  

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Video Arbeiten von Jörg Franzmann west-östlich (Blog)

Video Arbeiten von Jörg Franzmann


Joerg Franzmann

 

b88 b62 b48 b71 4. KREBS

entwickelt seine Videos auch da auf der Basis von fotographischem, konkretem Material, wo sie anscheinend abstrakt sind – aufsteigend damit vom Konkreten zum Abstrakten.

Was in den Videos wirklich steckt, sieht man noch einmal neu, wenn man sie Bild für Bild auseinander faltet.

Jedes Bild ist „komponiert“, ist ein Bild für sich, das eine Wirkung auch ohne den Zusammenhang in einem schnellen Videoablauf entfalten kann.

Das wird sehr deutlich in der Serie „Nicht Krokodil“ (105 Bilder) in dem crossmedia e Book „Spuren des Krokodils“, die auch als Improvisation zur Musik im Berliner Club Berghain („getting perlonized“) auf dem Bildschirm der Panorama Bar eingespielt wurden, nur dass selbstverständlich in dem Zusammenhang die Wirkung eine ganz andere war – auch verständlicher Weise die Rezeption des Videos durch die Partyteilnehmer.

Für das Projekt „Digital Art Poetry“ eignen sich diese Videos vor allem deshalb, weil sie keinen Handlungsverlauf suggerieren, sondern in ihnen die Handlung sozusagen nach innen in die Bildebene selbst verlegt wird.

Es sind stille Bilder, die thematisch um sich selber kreisen, das Thema in verschiedenen Variationen darstellen, aber keinen Verlauf suggerieren, der eine dramatische Entwicklung vor sich hat, auch dann nicht, wenn ein schneller Bildwechsel vorgenommen wird.

 

 

Krebs 1krebs 3krebs 44. KREBS

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die hier ausgewählten Einzelbilder, die dem Videofilm entnommen sind, zeigen allerdings nicht einfach Muster, wie es vielleicht den Anschein hat, es sind kleine, „eincomputierte“ Filme von Fröschen, Frauengesichtern, Schlangen, die so klein arrangiert bei genauem Hinsehen Ekel und Grauen erzeugen.

Allerdings haben diese Filme (2004) noch keine HDD Deutlichkeit. Die Wirkung würde sich bei einer entsprechen höheren Pixelrate erheblich steigern lassen.

Mit diesem Vorgehen entsprechen die Bilder dem der Texte, die in der gleichen Weise wie Vektoren von allen Seiten ihr Thema einkreisen, es dialektisch hin und her bewegend. Die Utopie liegt dabei in den Themen selbst und wird nicht dramatisch als Handlung entwickelt. Damit ist Ausgang einer Geschichte in ihr selbst angelegt und unterliegt keinem Spannungsbogen, der Leser oder Hörer aufpeitscht zu Abenteuern des Unerwarteten, so wie wir das von Krimis gewohnt sind. Schon gar nicht wird auf ein Abtauchen in Parallelwelten abgezielt, wie es manche Computerspiele tun.

Von dieser Art Erzählen setzt sich Digital Art Poetry deutlich ab – und überlässt das damit dem Mainstream der Romane und Fernsehfilme und Spiele.

Dafür aber ist es möglich, gerade auch weil Musik und Bild den sinnlichen Eindruck verstärken und verschärfen, mit um so größerer Intensität den Inhalt, seinen Ausdruck, seine Message darzustellen und ein Nachdenken des Lesers anzuregen.

WAS WAGISTAN y  to closses
(original)KOTAI AUF PERLON franz.mannfranz.mann001

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Crossmedia Journalismus west-östlich (Blog)

Crossmedia Journalismus

Ohne Titel

„Das verlassene Volk“

Der Spiegel, Nr.44/2014

 

Ein beeindruckend komplexer Beitrag zu einem aktuellen politischen Thema

Ich lese den Spiegel auf dem iPad, was heisst: ich lade mir die Version herunter, die Filme, Videos und Bilder enthält, zusätzlich zu dem Text, der auch in der gedruckten Ausgabe erscheint.

Selten hat mich bei meiner Lektüre auf dem iPad ein Artikel so berührt und überzeugt wie der Artikel über die Kurden „ Das verlassene Volk.“

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Dokumentation oder Dichtung? west-östlich (Blog)

Dokumentation oder Dichtung?

Zum crossmedialen eBook „Stadtwald“

 

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