Revolutionäre Aspekte einer totalen Poetisierung

Uckermark, ein kleiner Raum. Wir sitzen nachts gegen 23 Uhr vor dem Bildschirm, ich lege die schwarze Brille an und bin von da an in Unglaublichem.
Tief unter mir die Hochhäuser und Straßenschluchten von großen Städten, mir wird schwindlig, da hinunter? Ich könnte fallen, ich halte mich am Drehstuhl fest.
Direkt neben mir eine Schale mit einem roten Apfel, ich versuche ihn anzufassen, aber er weicht vor meiner Hand aus, es gibt ihn gar nicht.
Ein Ritt auf einem riesigen Darm durch Körperinneres, überall schweben Hautteilchen um mich herum, verkrustetes Blut.
Ich bin mitten drin, das ist meine Realität jetzt hier – oder doch nicht?
Wirkliche Unwirklichkeit – unwirkliche Wirklichkeit.

Virtual Reality – ich setze die Brille ab und versuche mich neu zu orientieren, bin wieder hier vor dem Bildschirm nachts in der Uckermark in Deutschland. Aber ich werde von heute an nie wieder als die Gleiche hier sein, der Blick durch das Fenster dieser Brille hat mich verändert, der Blick in eine neue ästhetische Zukunft.

Sich beim Lesen in eine andere Welt begeben, mit den Protagonisten eines Textes sich identifizieren, viele Autoren sprechen gerne von „meine Figuren“, und der Grad der Identifikation des Lesers gilt geradezu als Qualitätsmaßstab für den Text – das ist nicht neu. Geschichten nehmen uns gefangen, in unseren Gedanken bauen wir ihre Wirklichkeit nach, die Welt der Anna Karenina, die Welt des Marcel Proust, die beängstigende Welt des Franz Kafka.
Ebenso begeben wir uns in Räume, die Filme für uns eröffnen, sei es die Wohnung in einem Film von Hitchcock, in die schwarze Vögel eindringen oder die schönen Ufer und Schlösser in einem Film von Rosamunde Pilcher.
Ziel ist in jedem Fall, dem eigenen lästigen oder langweiligen Alltag zu
entkommen, zu entspannen in anderen neuen Welten, in ihnen Urlaub zu machen. Filme spiegeln Alltagsprobleme wider, man kann mit ihnen die eigenen Schwierigkeiten besser begreifen, über Lösungen nachdenken, Abstand zu gewinnen, zu dem, was uns belastet: „andere haben es auch nicht viel besser.“
Prodesse aut delectare hieß die Devise seit eh und je – nützen und erfreuen soll die Geschichte, der Text, das ästhetische Produkt.

Und nun mit neuen starken Graphikkarten, auf leistungsstarken Computern unterstützt von Spezialbrillen: virtual reality.
Nicht die Phantasie, die Vorstellung zaubert die Bilder, sondern im 3D Format tauche ich ein in eine Welt, die ich nicht mehr zu unterscheiden vermag von der wirklichen. Ich existiere in ihr, spüre sie hautnah, bin in ihr gefangen – 360 Grad mich drehend schaue ich auf die Bilder – ich bin mittendrin.
Das sind nicht mehr meine träumerischen Gedanken beim Lesen unter der Lampe, es ist nicht mehr die Guckkastenbühne des TV, nebenbei esse und trinke ich, schau auf mein Handy, in einigen Wohnungen läuft TV den ganzen Tag nebenbei.

Virtual reality Bilder sind nicht mehr nebenbei zu verarbeiten, ihre umgreifende Komplexität lässt meiner eigenen Phantasie keinen Raum mehr, vielmehr besetzt es diesen Raum völlig, ich kann mich ihnen nicht mehr entziehen, sie dringen in mich ein.

Vilem Flusser hat 1999 in „ins Universum der technischen Bilder“ klar gestellt, dass es sich bei dem Übergang von der Linearität der Texte, in denen Handlungen in einer von A nach B voranschreitenden Zeit sich vollziehen, zu den technischen Bildern, die sich als „Kontext“, als „Szene“, als „Magie „vollziehen, „um eine Kulturrevolution handelt, deren Reichweite und Konsequenzen wir erst zu ahnen beginnen“ ( „In Universum der technischen Bilder“, Göttingen 1999, S.11ff).
Flusser konnte 1999 nicht wissen, dass es virtual reality Bilder, wie sie heute durch die Brille zu sehen sind, geben würde, aber seine Ausführungen analysieren präzis, wie sich unser Denken und Erleben durch diese ästhetischen Erfahrungen verändern muss, sie nehmen in ihren Gedankengängen vorweg, was erst heute technisch so machbar ist.
„Die Linearität zerfällt …. es bleibt uns demnach gar nicht anderes übrig, als den Sprung ins Neue zu wagen.“ ( aaO S.20)

Revolutionen haben es so an sich, dass sie Neues in die Welt bringen, aber auch ein Erschrecken über die Anforderungen der Veränderungen erzeugen, das dann zu Rückschritten führt, konservativen Gegenmodellen, auf die in der Hoffnung auf Absicherung zurück gegriffen wird.
Die politische Weltsituation und der momentane Backlash 2017 ist ein Bespiel und ein Beweis dafür.
Mehr und eifriger als je wird denn auch in der literarischen und poetischen Szene auf alt bewährtes Erzählen verwiesen, als sei es eine Art ästhetisches Grundgesetz, dass in Literatur erzählt werden muss. Dabei ist diese Art Erzählen längst überholt, ihre Linearität längst nicht mehr kompatibel mit dem allgemeinen Stand der Produktivkräfte, wie Flusser überzeugend darlegt.

Dennoch vollzieht sich auch Revolutionäres in Schritten, zumal wenn es eine auf Technik, auf die Entwicklung der Apparate sich gründende Neuorientierung ist.

Als entire3 2004 mit die ersten Versuche Text, Musik und Bild in einen Videozusammenhang zu bringen vorstellte, hatten wir einen technische Ausrüstung, die man heute nur noch belächeln kann, und auch 2017 wissen wir, dass virtuell reality sich auch von der Hardware her noch weiter entwickeln wird, das sind nur Anfänge, da wird noch einiges zu erwarten sein.

Aber es geht um die kleinen Schritte, die vorwärts bringen – sie erfordern viel Geduld und auch Mut, denn nach abschätzig abwehrenden Kritikern muss man in dieser Situation nicht suchen.

Wir haben mit entire3 zunächst die Linearität des Textes aufgebrochen, indem keine Handelnden Personen mehr erscheinen, auch keine konkrete Ortszuweisung. Die Personen erscheinen lediglich punktualisiert oder vektorisiert benannt als „ich, du, er, wir, ihr.“
Die Texte selber haben ihre Eigenständigkeit aufgegeben, sie werden eingebettet in Musik und ihr Inhalt wird subsumiert wiedergegeben in „stillen Bildern“, die keine Handlung fingieren, sondern, wenn auch grundsätzlich fotographisch basiert, den Kontext des Textes paraphrasieren.

Das ist aber – wie die neue Entwicklung der virtuell reality Bildwelt zeigt, nur ein erster Schritt hin zu dem, was jetzt in der Tat wirklich neu und neu wirklich werden könnte.

Zur Zeit wird in virtuell reality Bildern so scheint es zunächst einmal spielerisch einiges ausprobiert. Aber es wird darauf ankommen, einen Inhalt zu fixieren, der ästhetische Relevanz hat, einen Ausdruck, der bewegt, berührt, jenseits von Erstaunen über Merkwürdiges. Möglicher Weise machen vor allem erst einmal Spiele Karriere oder Fußball- Erlebnisse.

Für Literatur aber wäre programmatisch folgendes denkbar und darstellbar:
Der poetische Text erscheint im virtuell reality Kontext als eine Art Drehbuch für den Content des Geschehens im virtuellen Raum.

Am Beispiel von „Blaugold“ aus „Feuer“ kann der Übergang und das Neue dann dargestellt werden.

Das bis jetzt existierende Video enthält den eingesprochenen Text zu einen flirrenden elektronischen Musik und einem Videobild von Jörg Franzmann, dass aus computierten Einzelteilen zusammengesetzt wurde und den zauberischen Kontext widerspiegelt. Der Inhalt des Textes wird dabei nicht berührt. Er läuft eingesprochen selbstständig als dritte Komponente neben der Musik und dem Bild.

Ganz anders jetzt der gleiche Text in einer virtuell reality Version:

In die im Text genannte alte Stadt (Ephesus, aber auch eine Phantasiestadt könnte im Bild erscheinen), ist der „Nicht- mehr – nur Leser“ zu Besuch gekommen, er läuft durch die Straßen, Artemis erscheint als Göttin, Gold überall, eine blaugoldener Himmel, durch den der Vogel fliegt mit der goldenen Kugel fliegt, an anderer Stelle wird ein Papierdrachen von Kindern am Strand in die Luft gezogen, Dünen, Wellen.
Die Musik könnte die gleiche sein, da sie sich elektronisch in das Ganze einbeziehen lässt – aber der Text wird vom Geschehen als Kontinuum aufgezogen und einem weiteren Prozess der Punktualisierung oder Vektoralisierung unterzogen.

Dem Text, der in der bisherigen Version immerhin noch eine, wenn auch schon aufgelöste poetische Folge hatte, wird nun jegliche Linearität entzogen. #
Denkbar ist das Teile der Textes gesprochen werden, zum Beispiel anzusteuern durch die Kopfbewegung oder Augenbewegungen des Zuschauers. Aber ein Hintereinander kann es nicht mehr geben, der Text geht in die Komplexität des Ganzen ein.

Zum Beispiel: könnte aber der Zuschauer mit dem Kopf den Text, der zu hören ist ansteuern, schaut er auf den Vogel – folgt der Vogelsteil – schaut er auf die Stadt hinunter der Stadtteil usw. Eine bis jetzt noch übliche Sprecherlitanei verbietet sich von selbst, der Text wird sich nicht mehr von der Musik und dem Bild entfernen können.

Das Ganze wäre dann Poetisierung der Totale und zugleich ein totale Poetisierung.

Adelheid Seltmann
Berlin, 14.04.2017