UnknownAuf der Udo Jürgens Gala in Freiburg (ZDF)

Lang Lang, angekündigt als der grösste aller Pianisten, spielte auf der Udo Jürgens Gala zu seinem 80. Geburtstag das „alla turca“ (KV. 331, 1783) von Wolfgang Amadeus Mozart – angeblich, weil Udo Jürgens ein Liebhaber von Mozart sei, so wurde es von dem Moderator Kerner angekündigt.

Nun ist dieses Stück Musik ein besonderes, auch im Werk von Mozart. Was die Musikwissenschaftler nur vermuten können ist, dass Mozart ein hervorragender Kenner der Unterhaltungsmusik seiner Zeit, wir würden heute sagen „Popmusik“, war. Man kann davon ausgehen, dass diese Musik ein hohes Niveau hatte  – nur: es blieb davon nichts erhalten, es gibt keine Notierung dieser Musik und natürlich keine Tonträger. Diese Musik wurde für die Geschichte nicht konserviert.

Aber Mozart tat das: „alla turca“ heisst denn auch, es handelt sich um eine Adaption türkischer Volksmusik, wie sie in den Wiener Kneipen gespielt wurde. Und es ist schon auch von Mozart aus gesehen eine Provokation, dass er es wagte, diese Musik hoffähig zu machen: gegenüber seinem adligen Publikum und besonders gegenüber seinen Hörern aus dem aufstrebenden Bürgerntum, bei denen es für die weiblichen Familienmitglieder üblich wurde, Klavier zu spielen.

Diese Hinwendung zur östlichen Kultur, diese Adaption von östlichen, nicht europäischen Traditionen findet sein Pendant in der Literatur bei Goethe („Westöstlicher Diwan“) und später bei Rückert. (Friedrich Rückert, „Östliche Rosen“ 1819). Zu bemerken ist, dass Mozarts „alla turca“ sehr viel früher enstand.

Heute gehört dieses kleine Musikstück neben der „kleinen Nachtmusik“ zu den Stücken der sog. „klassischen Musik“, die „man“ kennt und mit denen viele den Namen Mozart verbinden.

Dass Lang Lang auf dem Konzert in Freiburg zu Ehren von Udo Jürgens ausgerechnet dieses „alla turca“ spielte, war also ein Zugeständnis an die Popmusik Hörer, die normaler Weise sich eher die Schnulzen einer Helene Fischer zu Gemüte führen. (Die Authentizität und das Niveau von Udo Jürgens als Liedermacher und Popmusiker ist unbestritten.)

Man führe sich vor Augen und Ohren: ein Chinese aus dem fernen Osten spielt ein Stück eines österreichischen Komponisten, das eine Art Adaption von Musik der östlichen Nachbarn, nämlich der Türkei ist, auch als solches ausdrücklich von ihm so benannt wird, aber so, dass er diese Musik kaputt spielt.

Er spielt sie schnell, so schnell, wie es schneller nicht geht – weil er bewundert werden will für seine Fingerfertigkeit? Er spielt sie ohne Sinn, wie eine Etüde, weil er nicht versteht, was das für eine Musik ist, in welchem kulturellen und historischen Kontext sie steht, weil er sich um ein Verstehen der Musik eines ihm fremden Landes, Kontinents offensichtlich gar nicht erst bemüht, und er spielt sie ohne Wissen, um das eigentlich höchst Merkwürdige dieser Musik, die eine andere Kultur in sich aufnimmt, sie adaptiert, so dass im Prozess dieser Adaption ein grossartiges Stück Musik entsteht.

Es ist also sozusagen ein doppelter Salto von kulturellen Missverständnissen zwischen West und Ost, zwischen Europa, dem Nahen Osten und dem Fernen Osten.

Und das deutsche Publikum: klatscht Beifall, merkt gar nichts und findet diese absurde Verballhornung ihrer eigenen Kultur ganz in Ordnung. Waren Musikkritiker anwesend? Wo blieb die kulturelle Elite Deutschlands? Welche Beziehung haben wir überhaupt noch zu unserer Kultur, zu einer so großartigen Musik wie die von Mozart, wenn es von keiner Seite einen Widerspruch gibt?

Oder wird eine Fernsehveranstaltung wie diese sowieso von niemandem mehr wahr oder ernst genommen, der Musikkenner oder überhaupt nur kulturell interessiert ist?

In jedem Fall: auch die es besser wissen oder besser wissen müssten finanzieren diesen Unsinn. Wir alle sind gezwungen, dafür jedem Monat zu zahlen – Lethargie macht sich breit. Wie viel hat das ZDF Lang Lang für diesen Auftritt auf sein  Konto überwiesen?

Es gab offensichtlich im Publikum in Freiburg niemand, der Lang Lang zurief: aufhören! aufhören!!

adselt