Gloomingjpg

Videobild Joerg Franzmann

Welche Werte sind gültig?

Die Werte des Besitzes sind nicht Werte fürs Leben, ein grosses Auto ist nicht mehr als das, und Geld macht nicht glücklich. Noch weniger, versteht sich, macht es glücklich, keines zu haben.

Der Kapitalismus kann seine Kinder nicht ausreichend versorgen: er vermittelt keinen Lebenssinn, seine Werte sind die von Konten und Zahlen, von Dingen und Gelegenheiten, aber nicht Werte, die tragend sind.

Die christlichen Religionen hatten solche Werte, doch sie werden kaum noch überzeugend vermittelt. Sie verblassen in einer Kirchenpolitik, die korrupt Gelder einheimst und verwaltet (Mafia in der Curie in Rom), die als kriminell bezeichnet werden kann, da wo sie Empfängnisverhütung verbietet und wo Priester sich an ihren Chorknaben vergehen, ohne ernsthaft bestraft zu werden usw.

Die Werte der christlichen Feste sind ebenso herunter gewirtschaftet. Weihnachten ist ein Konsumfest geworden und die christliche Fastenzeit reduziert sich auf eine „Fassenacht“, die zu schlechten Witzen Besäufnisse organisiert. Ganz sicher sind in „Brot für die Welt“ Werte („gib den Armen“) enthalten, aber vor allem wird Geld gesammelt, und sehr viel darüber hinaus vermittelt sich den Spendern eher nicht.

Die muslimische Welt hat den Ramadan, viele halten sich an die Gebetszeiten – während das christliche Gebet auf die kirchlichen Veranstaltungen reduziert ist, die immer weniger besucht werden. Sie versucht auch sonst, Werte zu vermitteln und hat mehr Zulauf und religiöse Wirkung als die christliche Religion.

Der Schleier bzw. das Kopftuch der muslimischen Frau allerdings setzt die Stellung der Frau in Widerspruch zur restlichen Welt, und die Frage nach den Werten ist sicherlich auch in der muslimischen Gesellschaft nicht überzeugend und tragfähig beantwortet, das zeigen die Auseinandersetzungen zwischen Salafisten, Sunniten, Shiiten und aufgeklärt gemässigten Muslimen.

Wir brauchen eine neue Art des Humanismus.

Das forderte Jaron Lanier, anlässliche seiner Rede auf dem Festakt der Verleihung des Friedenpreises an ihn in der Frankfurt Paulskirche am 12.10.2014. Und er machte damit als Protagonist des digitalen Zeitalters klar: die digitalen Programme sind nur Portale, sie tragen in sich keine neuen Werte, sie bieten Möglichkeiten, sind Fässer, die zu füllen sind: nicht mehr.

Wie kann dieser Humanismus aussehen? Welche Werte kann er ausgeben? Die Hilflosigkeit ist gross, und zunächst steht diese Frage unbeantwortet im Raum.

Die Flut der Krimis in den öffentlichen Fernsehkanälen gibt zudem zur Sorge Anlass: sollte der Kommisar nicht wenigstens in der Lage sein, indem er Verbrechen aufdeckt, ein Gleichgewicht von Gerechtigkeit und Moral herzustellen? Ist es nicht vor allem die Aufgabe der Krimis, ihre Zuschauer und Leser zu versichern, dass, wenn schon nicht der liebe Gott, dann doch die Polizeikommissare oder die Kommissarinnen für Recht und Ordnung, für den Erhalt von Wertvorstellungen  sorgen?

Aber in der Regel geht es bei den heutigen Krimiserien nicht mehr um Schuld und Moral. Betroffenheit im Angesicht von Toten ist eher die Ausnahme, es sind Puzzles, die vor den Augen der Konsumenten zusammengesetzt werden, und am Schluss gibt es dann die Auflösung des Rätsels, möglichst so, dass das Unwahrscheinlichste eintritt, der angeblich Unschuldige der Schuldige ist: mehr nicht. Dabei eskaliert die Schwere der Verbrechen, überbieten sich die Krimis inzwischen in ihrer Grausamkeit in dem gleichen Masse, wie ihre Handlungsführung undurchsichtig und widersprüchlich bleibt. Die Verstrickung der Beteiligten, die Grausamkeit, blutrünstig, nimmt zu, Kinder sehen sexuellen Orgien zu, es gibt nicht das geringste Tabu in dem Dargestellten, keine Scham, nichts, was denn doch bitte noch an Mordsucht und Leichenschändung verborgen bleibt.

Dagegen steigt die Verunsicherung, eingefangen zu sein in die Machenschaften der grossen Kapitalgesellschaften, eine Unsicherheit die auch dadurch zugenommen hat, dass jeder, der ein Handy bei sich trägt, das Bewusstsein haben muss, überwacht zu sein, dass es für ihn, wenn es darauf ankommt, keine Möglichkeit gibt, sich den Zugriffen von Verbrechern zu  entziehen. Bösartiges, blutiger Schmutz: eine Kritikerin empfahl neulich in 3sat einen Romankrimi mit der Feststellung, dass der Leser sich beim Lesen immer mehr mit dem absolut bösartigsten Verbrecher identifiziere und das Buch damit und deshalb „herrlich amoralisch“ sei.

Ein Menetekel an der Wand?

Die Suche nach Werten ist eher verzweifelt, sie ist von Dringlichkeit getrieben, und auch das ist klar: Nicht nur Krimis sind schlecht und immer schlechter, wenn es und weil es keine Werte mehr gibt, auf die sie sich zu beziehen in der Lage sind.

Auch Kunst, auch Texte, Musik und Filme können sich überzeugend nur entwickeln, wenn sie auf Werte rekurrieren können, sie brauchen einen „Werteboden“, auf dem sie wachsen und wirken, sonst bleiben sie leer, inhaltlos, bietet sie nichts als eitle Floskeln, die schnell zu vergessen sind.

Texte dienen dann bloss der Profilierung ihrer Autoren – die mit ihren erfundenen Helden oder Protagonisten Phantasiewelten schaffen, von denen sie erwarten, dass die Leser in sie eintauchen, um abzutauchen, als wäre das die Rettung, und wieder aufzutauchen, um zu wissen, dass es eine Rettung eben nicht gibt. Nutzloses Bemühen, Zeitverschwendung, für den, der solche Texte schreibt, genauso wie für die Leser, denen eben mehr nicht geboten wird als das.

Das kann, das sollte der Ansatz für einen Kunstproduktion, für Texte, Musik und Bilder auch im cross media eBook nicht sein. Die neue Publikationsform allein garantiert keine inhaltliche Relevanz.

In dem Projekt Deutsches Epitaph (Adelheid Seltmann u.a.) wird nach einer Heilung, einer Quelle, einer Utopie  gesucht – und tatsächlich gibt  es ein Jahrzehnt, nachdem der Text geschrieben wurde, in der Wüste von Afrika den Bau der Ökostadt  Masdar City.

In Stadtwald ( die gleiche) wird der ökologische Protest einer ganzen Region (gegen die Bau der Startbahn – West am Frankfurter Flughafen) dokumentiert, der bis heute für diejenigen, die sich allen Niederlagen zum Trotz engagieren, sinnvoll ist, der mit einer unglaublichen Moral des Durchhaltens fortgeführt wird.

Mit der gleichen Motivation gehen die Texte in Westöstlich Feuer (die gleiche) dem Phänomen der Liebe nach, ihren Werten, ihrer Hilflosigkeit und zugleich Moral, dies auf den Spuren des türkischen und aserbaidschanischen Sufismus ebenso wie auf denen von Goethe, also der deutschen Klassik.

Auch Die Spur des Krokodils (die gleiche) sucht nach einer Utopie, nach Werten, verweist auf die Natur in uns und sieht in der Tatsache, dass es diesem Urwelt-Tier Krokodil gelungen ist, allen Zufällen der Millionen von Jahren trotzend, zu überleben, wartend, klug sich in den Ökosystemen bewährend.

Die Suche geht westöstlich orientiert weiter, und das nächste Projekt wird sich mit den Texten des grossen aserbaidschanischen Dichters Nesimi beschäftigen. Sie liegen jetzt in einer deutschen Übersetzung von Michael Reinhard Hess vor und haben einen faszinierende Strahlkraft, sie könnten – denke ich –  den Weg weisen zu dem, was Lanier forderte.

adselt