Feuerländer

Über Traditionen der Poesie von Nesimi (14. Jhd.) über Goethe bis heute

 

 

Dank der Übersetzung von Michael Reinhard Hess liegen uns jetzt die großartigenVerse von Nesimi in deutscher Sprache vor. Sie sind mehr als 600 Jahre alt und sprechen doch zu uns, als gäbe es diesen Zeit- und Kulturunterschied gar nicht.

(Videobild Joerg Franzmann)

 

 

NESIMI

Nutzen

Was kann der Seele ohne Liebe einer Herzensbotschaft nützen?

Was kann das Licht dem Augen, das nicht sieht, was seiner Sehkraft nützen?

Wem Ewigkeit nicht einen echten Teil an Einsicht schenkte,

was können dem die Verse, Deutung, Gottesworte, Botschaft nützen?

 

Den Wert einer Juwele kann nur ein Juwelier mit viel Erfahrung kennen, 

wenn man Juwelen Kurzsichtigen vorlegt, was denn soll das nützen?

Geschmack und den Genuss des Zucker können nur die Papageien schätzen,

was sollen Rosen denn der Krähen- und der Rabenmannschaft nützen?

 

Sei lieber klug und nimm bei Kummer nicht Juwelen von Nesimi,

sie werden nichts, um Liebenden Bedeckung beizuschaffen, nützen.  

 

Der Motte gleich verließ ich Deines Angesichtes Licht, bin fern

und brenne doch, du Licht und Feuer nachts, tagaus, tagein; wo find ich Dich?

(Sprachliche Überarbeitung Adelheid Seltmann)

 

Goethe hat diese Traditionen der Bilder und Topoi der östlichen Poesie in „Selige Sehnsucht“ übernommen: es ist bei ihm wie bei Nesimi die Einsicht, das nur Wenige verstehen und sehen, dass die meisten kurzsichtig sind, die ‚„Rabenmannschaft“ verhöhnt, was sie nicht schätzen und verstehen kann: dass das Lebendige sich aber, wie die Motte das Licht umkreisend, „nach Flammentod sehnet.“

 

JOHANN WOLFGANG V. GOETHE

 

Selige Sehnsucht

Sag es niemand, nur den Weisen,

Weil die Menge gleich verhöhnet:

Das Lebendgie will ich preisen,

Das nach Flammentod sich sehnet.

 

In der Liebesnächte Kühlung,

Die dich zeugte, wo du zeugtest,

Überfällt dich fremde Fühlung,

Wenn die stille Kerze leuchtet.

 

Nicht mehr bleibest du umfangen

In der Finsternis Beschattung,

Und dich reisset neu Verlangen

Auf zu höherer Begattung.

 

Keine Ferne macht dich schwierig,

Kommst geflogen und gebannt,

Und zuletzt, des Lichts begierig,

Bist du Schmetterling verbrannt.

 

Und so lang du das nicht hast,

Dieses: Stirb und Werde!

Bist du nur ein trüber Gast

Auf der dunklen Erde. 

 

Diese Verse aus dem Westöstlichen Diwan haben mich, seitdem ich ihnen begegnete, nie verlassen, ihre Wahrheit ist nicht zu leugnen und nicht zu zerstören. Aus meiner Liebe und in Verehrung für die großartigen Vorbilder wurde dann:

 

In „Westöstlich Feuer“     (Adelheid Seltmann)

 

Feuerländer

 

Meine Liebe ist gespannt, 

dass sie Glasränder 

zu scharfem Klingen brächte.

Jede Berührung würde ganz leicht 

ihre feine Glätte zerstören.

Sage nichts. 

Sag es niemand.

Lass mich empfindlich sein, wie ich bin.

Etwas könnte zerspringen sonst, 

vorzeitig, für immer.

 

Sage nichts. 

Sag es niemand, 

dass es Feuerländer gibt, 

blaurote Brände unter Wüstenböden, 

Böden, die Böden von Böden sind, 

die einbrechen ließen

in glühendes Brodeln.

Nirgends ein Festes,

kein sicherer Halt.

 

Zweideutigkeiten haben uns 

in die Länder der blauroten Glut, 

zu den Eisfeuern hin in die Wüste getrieben, 

glühend gefroren.

Gebrannte Kinder, wir, 

heimatlos

mit Brandmarken 

scharf in die Haut geschnitten.

 

Sag es niemand oder nur leise, 

dass die Zeichen ausgenüchtert sind. 

Gefüllte Leere, 

berechnete Schnörkel, 

bunt schillernde Tränen, 

übermütig und leicht, 

Witze gemagert durch Fasten, 

Zirkus der Küsse.

 

Sag es niemand, 

dass wir, Brennende, 

in Feuerländern wohnen, 

dass das blaue Rot, 

nicht blau, nicht rot, uns Lachen macht,

dass wir das Lachen 

im doppelten Spiegel sehen.

Das Spiegellachen spiegelt sich selbst 

noch einmal und wieder zurück,

Scheinwerte, Wertspiele.

 

In den Ländern unserer blauroten Glut 

bleibt nichts von Wert.

Aus den Spielwiesen 

fallen die Spiegel verglühend.

oUnser Liebesspiel allein ist ohne Zweifel, 

deines neben meinem, gleicher Klang.

Doppelt bleiben unsere Körper wirklich.